Angedacht

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Worte zur Besinnung – EJZ 28.01.2020 – Propst Stephan Wichert-von Holten

Andacht EJZ für den 28.01.

Mark fehlt bei unserem Klassentreffen nach 40 Jahren. Warum sollte Mark auch kommen? Lustig feiern mit denen, die ihn regelmäßig schikaniert, ihn aus Spaß gequält und ihn seelisch so verletzt haben, dass sein ganzes Leben durcheinandergeraten ist? In seinem Schülerleben waren wir seine bösen Geister. War doch normal, oder? Böse, aber nicht bösartig? Noch nach 40 Jahren belastet es unsere Seelen. Das viele Scheitern in Marks Leben bedrückt uns. Erstaunlich, aber wir vermissen Mark beim Klassentreffen. Wir hätten ihm und nicht nur uns gegenseitig unsere Schuld eingestanden, uns geschämt. Die unter uns, die Kinder in der Schule, schwierige Arbeitskollegen haben oder nun vom Leben gezeichnet sind, können erzählen, was sie aus dem Damaligen für heute gelernt haben – heute anders machen würden.

Mobbing ist nicht nur ein Wort. Mobbing ist eine Gemeinheit, weil es sich vom Gemeinsein ernährt. Mobbing ist nicht „mal“ Necken oder Hänseln, sondern ein Quälen, das nicht aufhört. Mobbing passiert jeden Tag. An der OS in Lüchow, an allen anderen Schulen, am Arbeitsplatz, in Familien, überall da, wo sich Gruppen bilden und Menschen es miteinander aushalten müssen.

Heute fällt auf, dass sich die Grenzen aufgelöst haben: die Grenzen von Anstand, von Miteinander, von Achtung und Würde. Das war vor 40 Jahren schon schlimm. Schlimmer aber heute mit Smartphone, einem nicht zügelbaren Internet. Wir leben in einem Heute, in dem man laut menschenfeindlich redet.

Das Böse im Menschen kannte Gott lange bevor er selbst Mensch geworden ist. Hass, Missgunst, Neid und Machtmissbrauch erfuhr Jesus am eigenen Leib. Deshalb spricht er in der Bergpredigt bei Matthäus eine klare Formel aus, die sich auch gegen Mobbing richtet und da raushelfen kann: Die „goldene Regel“. „Was du nicht willst, dass dir man tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“. Jesus hebt nicht den moralischen Zeigefinger, das hat damals schon nichts genützt. Er setzt auf unsere Vorstellungskraft, weil menschliche Menschen nachfühlen können, was sie anderen antun. Was man mal gefühlt hat, die vergisst man nicht so schnell. Fühl es! Wer mit-fühlend denkt, wird sich der Konsequenzen bewusst. Mitfühlen verschiebt die Wirklichkeit zwischen Opfer und Täter, denn beim Mobbing gibt es nur Opfer. Wer mobbt ist ein Opfer seiner vermeintlichen Überlegenheit, ein Opfer von Übermut und Gruppenzwang, ein Opfer von menschenverachtender Sprache. Oft gibt es die Vorstellung: Das ist normal. Wer glaubt, alle müssen „da mal durch“, um stark zu werden, folgt dem ältesten Unglauben der Menschheit: Dem Gesetz des Stärkeren.

Der mitleidende Gott aber will, dass niemand Opfer bleiben muss. Also, Mobbingopfer brauchen Hilfe, die sie mit Liebe zurück ins Leben holt, damit sie sich wieder selber trauen. Auch Mobbingtäter brauchen Hilfe, damit ihnen überhaupt noch jemand traut. Verbale Entgleisungen in der Diskussion auf Facebook, wie die EJZ berichtet, untergraben den Ernst der Not. Prävention und das Schweigen zu durchbrechen, sind erste Schritte. Ich denke an Mark, erinnere mich an das flaue Gefühl, wenn wir es zu weit getrieben hatten: Was du nicht willst, dass dir man tu, das füg auch keinem anderen zu.

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