Angedacht

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Worte zur Besinnung, EJZ am 16.06.2018 – Diakon Henning Schulze-Drude

Vor 65 Jahren

Bis zur Wiedervereinigung 1990 war der 17. Juni ein beliebter Feiertag in schöner Jahreszeit. War das Wetter angenehm, füllten sich die Freibäder. Und lag das Datum günstig zu einem Sonntag, war ein Kurzurlaub drin.

Dabei war der 17. Juni eigentlich kein fröhlicher Feiertag, sondern das genaue Gegenteil. Morgen vor 65 Jahren, am 17. Juni 1953, standen Arbeiter und Studenten auf gegen die SED-Herrschaft. Das war der erste Aufstand gegen die Alleinherrschaft dieser Diktatur, gegen deren Willkür der Leistungsnormen; ein Kampf für Reformen der Arbeit und für eine freie selbstbestimmte Gestaltung des Lebens. Ein Freiheitswille brach auf, der schließlich nur mit der Macht sowjetischer Panzer niedergedrückt werden konnte.

Ich selber habe diesen Tag noch nicht erlebt, denn ich wurde erst 2 Jahre später geboren. Das, was ich darüber weiß haben mir Menschen erzählt. Aber manchen sind die Bilder unvergesslich, wie junge Menschen in Ostberlin die sowjetischen Panzer mit Pflastersteinen bewarfen.

Der Aufstand des 17. Juni war nicht von Erfolg gekrönt. Befreiung hat nicht stattgefunden und die Aufständischen bekamen die furchtbaren die Folgen ihres Freiheitswillens zu spüren. Manches Todesurteil wurde vollstreckt, manche Haftstrafe verhängt.

Aber eins wurde in diesen Tagen deutlich – und die Machthaber wussten es wohl ganz genau: Dieses Regime hatte damals keinen Rückhalt im Volk. Dennoch ließen sich die Herrschenden nicht von ihrer Linie abbringen. Im Gegenteil – es wurde nur noch schlimmer. Die Vernichtung selbständiger Berufe, des Handwerks und der freien Bauern waren die nächsten Maßnahmen zur Verfestigung des Regimes und der Vereinheitlichung der Menschen. Hunderttausende verließen das Land, weil sie für sich keine Perspektive mehr sahen, viele auch weil sie wegen ihres Glaubens oder ihrer politischen Einstellung bedroht und verfolgt wurden.

Doch dauerte es kein Menschenalter, bis dieser Staat, die DDR, in sich zusammenfiel. Denn was die Demonstrationen und die Pflastersteine gegen sowjetische Panzer nicht vermochten, das bewirkten die Demonstrationen im Jahr 1989, diesmal Gott sei Dank von sowjetischen Panzern nicht behindert.

“Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten”, so heißt es in Psalm 126. Dieses Psalmgebet setzt auf die Wendekraft Gottes auch im Alltag. Trotz vieler Rückschläge will es Mut geben, nicht verzagt zu sein und mit Vertrauen in die Zukunft zu gehen. Eine Kraft will dieses Gebet sein für die Glaubenden, wie auch für alle, die an ihrem Glauben verzweifeln sind oder ihn gar aufgegeben haben.

Auch wenn der 17. Juni als Feiertag dem 3. Oktober weichen musste dürfen die Erfahrungen von Ohnmacht und Mut, von Angst und Hoffnung nicht in Vergessenheit geraten. Wir müssen sie behalten und bewahren um künftiger Freiheit willen. Nach 1953 und dem Scheitern des Aufstandes, nach 1989, dem Neuanfang ohne Unterdrückung brauchen wir neue Kraft in unserem Land, damit nicht durch uns selbst wieder Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Einstellung oder Lebensweise verfolgt und vertrieben werden.

Der biblische Monatsspruch für den Juni lautet: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie heben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

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