Angedacht

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Worte zur Besinnung – EJZ am 22.09.2018
Diakon Michael Ketzenberg, Breselenz

O’zapft is!

Heute Abend ist es wieder so weit: Über 1.000 Wendländer verkleiden sich als Bayern und feiern kräftig bis in die Morgenstunden hinein, wenn in Jameln-Breselenz im riesigen Festzelt Musik gemacht und getanzt wird. Die Ursprünge des Münchener Oktoberfestes gehen auf die Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese zurück, zu deren Anlaß am 17.10.1810 ein Pferderennen stattfand. Das war die erste Wiesn. Viele weitere folgten – jetzt bereits im September wegen des Münchener „Sauwetters“ im Oktober.

Mit uns im Norden hat das alles wenig zu tun – aber es gilt: Auch hier wird gerne gefeiert. Darum karierte Hemden, von Dritt-Welt-Kinderhänden genähte Lederhosen und Dirndl. Man schlüpft gerne in eine andere Rolle, die man am Tag drauf wieder ablegen kann. Einmal ausgelassen sein. Einmal Spaß haben. Einmal allen Druck fallen lassen. Das kann gut tun. Selten habe ich bei anderen Feiern und Festen fast nur fröhliche und ausgelassene Menschen angetroffen wie auf der Wiesn im Wendland. Kaum Agression, kaum Gewalt. Und viel Lachen.

„O‘ zapft is!“ ertönt, wenn das offizielle Faß angeschlagen wird. Und dann fließt der Gerstensaft in großen Mengen – mehr als nur zum Durst löschen. Manch einer übertreibt dabei. Und dann stellt man doch fest: Am nächsten Tag ist der Durst wieder da. Und mehr…

Jesus trifft eine Frau am Jakobsbrunnen und kommt mit ihr ins Gespräch. Es geht um Trinken und Durst. Und um lebensdurstige Menschen. Und es gibt ja auch diesen Durst, der tiefer geht als ein bayerischer oder wendländischer Bierdurst. Da geht es dann um Sehnsucht nach Frieden, nach eine erfüllten Leben, nach Liebe. Danach, so sein zu können wie man ist – oder auch darum, nicht so bleiben zu müssen wie man ist. Jesus sagt zu der Frau: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Wer von diesem Festbier trinkt, wird auch nicht alle seine Sehnsüchte stillen. Und dann sagt er zu ihr: „Aber wer von dem Wasser trinkt,  das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.“ Jesus kann solchen Lebensdurst löschen, den andere nur betäuben können. Es geht darum, sich ihm anzuvertrauen und zu entdecken: Er teilt mein Leben und das kann mich befreien von dem Druck, unter den andere mich stellen – und manchmal ich mich selbst. Das ändert wohl nicht die Umstände des Lebens, aber es ändert meine Einstellung dazu. Gelassener kann ich sein, vergnügt, erlöst, befreit. Also ruhig mal darauf achten – auch Jesus ruft: „O’zapft is!“. Und wenn der bayerische Ruf schon Spaß macht, dann lohnt sich Jesu Ruf erst recht. Denn er trifft tiefer und hält länger – ewig!

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