Ein kleines Licht am 8. Juli

The Walking Corona-Viren

Der erste Fernsehabend der Menschheitsgeschichte sah in etwa so aus: Die Jäger waren von der erfolgreichen Jagd in die heimatliche Höhle zurückgekehrt. Am Abend saß man beim Feuerschein zusammen und die Jäger erzählten von den Mammuts, den wilden Pferden, von den Wisenten und Säbelzahntigern, die sie gesehen hatten.

Die Daheimgebliebenen lauschten gebannt. Da sagte der künstlerisch begabteste Jäger: „So genau kann ich euch das gar nicht erzählen. Aber seht mal her!“ Und dann malte er Mammuts, wilde Pferde, Wisente und Säbelzahntiger an die Wände und Decken der Höhle. Und vor seinen Zuschauern erwachten all diese Tiere zum Leben. So geschehen vor ungefähr 20.000 Jahren zum Beispiel in der Höhle von Altamira in Nordspanien.

Höhlenmalerei eines Steppenbisons in der Höhle von Altamira (Replik, Museo Nacional y Centro de Investigación de Altamira, Santilla del Mar, Cantabria, Spanien)
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hle_von_Altamira#/media/Datei:AltamiraBison.jpg

Etwas zeigen und erzählen, wo die anderen nicht dabei gewesen sind. Etwas anschauen und lernen, obwohl man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Die allerersten Ursprünge des Fernsehens.

Wir Menschen lieben Geschichten, vor allem wenn wir etwas davon lernen können. Das war auch in späteren Zeiten so.

Im Mittelalter und den Jahrhunderten vor der Industrialisierung saßen die Menschen immer noch am Abend ums Feuer herum zusammen. Die Höhlenmalereien hatte man aufgegeben. Aber die Geschichten waren geblieben.

Statt eines Filmabends erzählte man sich haarsträubende, ausgedachte Geschichten. Zum Beispiel Märchen. Und auch wenn diese Geschichten komplett ausgedacht waren, gab es in fast allen Märchen eine halb versteckte lehrreiche Botschaft. Bei Rotkäppchen: Trödel nicht im Wald herum, bleib auf dem geraden Weg und lass dich nicht von fremden Männern anquatschen. Hänsel und Gretel: Lass dich nicht von alte Frauen mit einer Zuckerstange in ihr Haus locken. Vorsicht vorm Schokoladenonkel. Und wenn du in die Fänge von Bösewichten gerätst, wehr dich und sei bloß nicht zimperlich.

Wenn man so will, erzählen Fernsehserien die Märchen von heute. Und sie sind auch zugleich die Höhlenmalereien von heute. Wie damals lassen einen solche Serien bei Abenteuern dabei sein, die man selbst nicht erlebt hat. Oder die man ehrlich gesagt auch lieber gar nicht erleben selbst erleben kann oder möchte: Im Weltraum auf der Enterprise oder im Wilden Westen bei Bonanza. In den schönsten Häfen dieser Welt wie beim Traumschiff oder im Krankenhaus bei Dr. House.

Und da gibt es Serien, die einfach so an uns vorbei laufen und die dann auch schnell vergessen sind. Und es gibt Serien, die sehr erfolgreich sind und vielleicht Jahrzehnte später noch ihre treuen Fans haben. Aber was macht den Unterschied aus?

Ich glaube, neben manchem anderen ist es wie am Anfang, was ich dabei lernen kann.

Beim Tatort lerne ich jeden Sonntag, dass Eifersucht, Gier und Jähzorn sich nicht lohnen und dass das Gute am Ende sich nicht lohnt. Bei Dallas lerne ich, dass Geld allein nicht glücklich macht und dass der fiese JR doch nicht weiter kommt als der liebe Bobby. In der Lindenstraße erfahre ich von Mutter Beimer viel über Kindererziehung und ansonsten, dass meine eigene Nachbarschaft doch eigentlich ganz in Ordnung ist.

Und dann gibt es da eine sehr erfolgreiche Serie, die meine These auf den Kopf zu stellen scheint: The Walking Dead. „Die wandelnden Toten“ sind eine Fernsehserie über Zombies. Und seit 2010 wurden bereits 147 Folgen davon abgedreht und weitere sind geplant.

Aber was in aller Welt soll ein Zuschauer dabei lernen können, wenn menschenfressende Untote ein paar übrig gebliebene Überlebene durch verlassene Städte, Dörfer, Landschaften jagen? Was soll ich von einer Horrorserie lernen über Monster, die es doch ganz sicher gar nicht gibt? Da gibt es eine Lektion zu lernen für alle, denen es zu gut geht.

Doch zuallererst ein paar Worte über den Inhalt der Serie. Der unterscheidet sich nicht groß von dem in allen Zombie-Filmen oder -Serien: Die heile Welt wird auf den Kopf gestellt. Überall auf der Erde hat sich eine Seuche ausgebreitet, die alle Erkrankten zu mörderischen Bestien macht. In manchen Filmen sind die Kranken wirklich nur krank wie zum Beispiel durch eine besonders schlimme Art der Tollwut. Bei The Walking Dead ist es noch ein bisschen gruseliger: Die Zombies sind erneut zum Leben erwachte Leichname, die entsprechend schrecklich aussehen.

Wer von diesen Zombies erwischt wird, der wird entweder einfach aufgefressen. Oder er wird nur gebissen und angesteckt und verwandelt sich in ein paar Stunden oder Tagen selbst zu einem Zombie.

Die überlebenden Menschen sind also ständig auf der Hut und auf der Flucht. Sie müssen zusammenhalten oder sich gegen anderer, aber böse Überlebende zur Wehr setzen. Denn auch das gehört in einem Zombiefilm dazu: Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Keiner verkauft mehr Lebensmittel. Keine Feuerwehr und keine Polizei kommt mehr, wenn man sie ruft.

Und vielleicht dämmert schon dem einen oder anderen, was man aus Zombie-Filmen „lernen“ kann: Zombies sind wie Viren auf zwei Beinen. Eine allgemeine Bedrohung, die alle Menschen betrifft. Den Corona-Virus kann man nicht sehen. Insofern kann man ihn nicht im Fernsehen zeigen. Einen Zombie schon. So wie ein Virus auf jeder Türklinke und in jeder Aerosolwolke lauern kann, so kann in jedem Schrank und hinter jeder Ecke ein Zombie lauern. Zombies vermehren sich durch Ansteckung. Jeder Krankheitsvirus auch.

Vor allem jedoch stellt so eine Zombieapokalypse unsere Zivilisation und und den Charakter jedes einzelnen Menschen auf die Probe. Denn wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Und würdest du ein friedlicher, guter Mensch bleiben, wenn kein Gesetz und keine Polizei mehr über dich wacht?

Glücklicherweise ist die Corona-Epidemie nicht so katastrophal schlimm wie eine Zombieapokalypse im Fernsehen. Aber diese Krankheit hat unser Leben doch gewaltig verändert. Die ersten Wochen waren die Einkaufsstraßen in den Städten auf einmal wie leergefegt. Ein Anblick, den man am helllichten Tag noch nie gesehen hatte. Schon beim Toilettenpapiereinkauf warf manch einer seine gute Erziehung über Bord. Ganze Staaten kannten keine Freunde und Verwandte mehr beim Maskenkauf und beim Medikamente reservieren.

Menschen waren gereizt und gingen aufeinander los. Menschen im Supermarkt prügelten sich, weil sie sich zu nahe kamen. Jugendliche in Stuttgart lieferten sich zu Hunderten Schlägereien mit der Polizei. Ohne Grund und wie aus dem Nichts. Und in Frankreich wurde ein Busfahrer von seinen Fahrgästen hirntot geschlagen, weil er ein paar Fahrgäste ohne Mundschutz nicht befördern wollte.

Noch kommt die Polizei, wenn man sie ruft. Noch sind das Einzelfälle. Aber langsam kann ich mir vorstellen, wie das wäre. Wie das wäre, wenn mehr und mehr Menschen durchdrehten. Wenn die Macht des Stärkeren regierte. Wenn wir das Gute vergessen und wieder werden wie die Tiere.

Aus den Zombiegeschichten lerne ich, dass unsere Zivilisation ein Status ist, den wir auch verlieren können. Dass diese Welt ein Alptraum wird, wenn wir sie Wutzombies überlassen. Wenn die Angst regiert und wenn die Vernunft sich schlafen legt.

Gerade in der Krise müssen wir menschlich bleiben. Die Krise ist sozusagen die Probe, ob unsere Moral und unsere Menschlichkeit was taugen. Denn das ist auch Thema in jedem Zombiefilm: Unsere heile Welt ist kostbar. Das merkst du dann, wenn sie immer kleiner und kleiner wird.

***

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes,
nicht missbrauchen.

Du sollst den Feiertag heiligen.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

oder

Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, nd du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ (5. Mose 6,4-5).

Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18).

Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Das einhundertunddreizehnte kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler.

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz vielee Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

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Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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1 Antwort zu Ein kleines Licht am 8. Juli

  1. Jörg Prahler sagt:

    Aus welcher Fernsehserie habe ich was gelernt?
    Ich muss sagen, dass ich auf die Gefahren eine weltweiten Seuche doch nicht optimal vorbereitet bin. Ich habe die ersten Staffeln von The Walking Dead zwar gesehen, aber auf Dauer war mir das doch zu gruselig.
    Da bleibe ich doch lieber bei Star Trek oder Raumschiff Enterprise. Das ist eine Serie, die zusammen mit ihren Nachfolge-Serien Hoffnung gibt, dass die Menschheit ihre Probleme überwindet und friedlich ohne Rassenhass zusammenzuleben lernt.
    Von Star Trek kann man lernen: Außerirdische sind auch nur Menschen und es lohnt sich immer, miteinander zu reden.

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