Gottesdienst in Quickborn und Langendorf am 2. Sonntag nach Trinitatis

Sei, wie du bist

Der Gottesdienst heute wird von Lektorin Tamara Haaker-Jung gehalten. Tamara hat mich gebeten, noch einmal kurz zu erklären, was eine Lektorin ist und wie sie eine Predigt vorbereitet.

Ein Lektor oder eine Lektorin ist kein Pastor und keine Pastorin. Es ist eine Person, die unter der Woche einem ganz normalen Beruf nachgeht. Aber eine Lektorin hat eine Ausbildung gemacht, um ehrenamtlich als Laie Gottesdienste zu halten.

LektorInnen schreiben keine eigene Predigten, sondern sie verwenden in ihren Gottesdiensten sogenannte Lesepredigten. Das sind Predigten, die von ausgebildeten TheologInnen extra für solche Gottesdienste geschrieben wurden.

Aber eine Lesepredigt wird nicht einfach vom Blatt vorgelesen. Jede Lektorin und jeder Lektor hat die Aufgabe, die Lesepredigt noch einmal durchzuarbeiten und zu ihrer Predigt zu machen. Dafür formuliert man die Sprache um, damit sie zu einem passt. Oder man tauscht ein Beispiel aus, damit es den BesucherInnen im Gottesdienst mehr sagt.

LektorInnen sind ein großer Gewinn für die Kirche. Sie bringen noch einmal ganz andere Lebenserfahrungen mit in die Gottesdienste als die PastorInnen.

Und LektorInnen freuen sich, wenn Sie ihnen ihre Mühe danken, indem sie auch die Gottesdienst von Lektorinnen und Lektoren besuchen.

Jetzt aber genug der Vorrede.

Ihr Pastor Jörg Prahler.

Jetzt folgt der Gottesdienst mit Tamara Haaker-Jung aus Quickborn:

Tagesgebet

Gott, Ursprung und Ziel der Welt, du lädst uns ein, das Leben zu feiern. Du zeigst uns die Schönheit deiner Gerechtigkeit und gibst uns einen Geschmack von deinem Frieden.

Wir möchten uns hinein nehmen lassen in die Atmosphäre deiner Freundlichkeit, aber wir stehen uns dabei oft selbst im Weg. Wir lassen uns die Zeit für dich rauben durch Nichtigkeiten.Wir können uns nicht lösen von den Zwängen,unter die uns andere setzen und manchmal wir selbst, Argwohn und Missgunst verderben uns leicht die Freude an deiner grenzenlosen

Güte.

Gott, bewahre uns davor, unser Leben zu vertun.Komm uns entgegen und erfrische uns mit deiner Barmherzigkeit.

Amen ( Sylvia Bukowski)

Predigt

Liebe Gemeinde,

ein Pastor sitzt viele Stunden an einer Predigt. Als sie endlich fertig ist, ist er unzufrieden. Er kratzt sich am Kopf und fragt sich: Sagt sie wirklich aus, was der biblische Text meint? Oder ist er zu theoretisch geblieben? Hat er vielleicht die theologische Botschaft zu sehr vereinfacht?

Im Gottesdienst sieht er die Menschen, die ihm zuhören. Er sieht die Dame, deren Mann er gerade beerdigt hat. Er weiß: der Alltag ist für sie eine große Herausforderung. Sein Herz sinkt noch etwas tiefer. Hat er die richtigen Worte für sie dabei?

Nach dem Gottesdienst steht er an der Tür und verabschiedet die Menschen. Die Witwe kommt auf ihn zu, reicht ihm die Hand, schaut ihn ernst an und sagt: „Danke. Das war genau das, was ich heute gebraucht habe.“

Jesus sagt: Kommt her zu mir, alle,die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Er sagt nicht: „Kommt her zu mir alle, die ihr noch tiefer in die Trinitätslehre eintauchen wollt, ich will sie euch erklären.“ Obwohl gerade unser heutiger Abschnitt über fast zwei Jahrtausende als eine Begründung für Trinitätslehre galt. Denn spricht Jesus hier nicht selbst über die Wesenseinheit von Vater und Sohn? Aber der Witwe, die dem Pastor die Hand gab, war das gar nicht so wichtig.

Jesus sagt auch nicht: „Kommt her zu mir und macht, was ich euch sage, dann wird alles gut.“ Sie hat immer alles getan,was man ihr gesagt hat, trotzdem ist ihr Mann gestorben.

Und Jesus sagt nicht: „Strengt euch halt ein bisschen an, dann werdet ihr’s schon schaffen.“ Ihre Anstrengungen während der Krankheit ihres Mannes waren übermenschlich. Jetzt kann sie einfach nicht mehr.

Jesus sagt aber – und jetzt verwende ich die Übersetzung der Basisbibel – „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir:Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann wird eure Seele Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“

Bei Jesus dürfen wir einfach sein. Jeder darf der sein, der er ist. Oder die sein, die sie ist. Alt oder jung.Mutig und verwegen oder schüchtern und ängstlich. Voller Kraft oder verzagt. Krank oder gesund. Voller Vertrauen oder voller Zweifel. Frisch verliebt oder auf der Suche nach Liebe. Voller guter Ideen, wie die Welt besser werden kann oder voller Schuld an eigener und fremder Not. So, wie ich bin, darf ich zu ihm kommen und bei ihm sein. Wie zu einem guten Freund. Ich darf nicht nur bei ihm sein, sondern er legt mir auch noch den Arm liebevoll um die Schulter. Und er sagt erst einmal gar nichts.

Auch ich muss nichts sagen. Ich darf einfach da sein. Und langsam fange ich an, mich selber wieder wahr zu nehmen. Langsam merke ich, wie fröhlich, traurig, mutig, ängstlich, glaubend oder skeptisch ich gerade bin. Wie mich meine Ideen beflügeln oder meine Schuld belastet.Vielleicht kann ich leise in mich hineinlachen. Oder ich fange laut an zu weinen. Oder ich spüre, wie weh die große Leere im Herzen tut. Oder ich schreie vor Wut,weil ich wieder merke, wie sehr ich verletzt worden bin.

Das ist vielleicht das Joch, das er mir aufgibt: Indem er mich nimmt,wie ich bin, nehme ich in seiner Gegenwart wahr, wie ich bin. Plötzlich sehe ich mich nicht mehr, wie ich gerne wäre. Oder ich sehe nicht mehr, was andere von mir fordern. Plötzlich sehe ich einen von Gott geliebten Menschen mit Stärken und Schwächen. Plötzlich nützt es niemandem mehr etwas, wenn ich mir oder anderen etwas vormache. Wenn ich das in Jesu Gegenwart aushalte, dann kann ich zur Ruhe kommen.

Die Last, die er mir auflegt, ist nicht das Schicksal, das ich zu tragen habe. Nicht Gott hat dem verstorbenen Mann der Witwe den Krebs geschickt und ihn sterben lassen. Nein, Gott ist nicht der allmächtige Puppenspieler, der unsere Geschicke lenkt wie ein Autor die seiner Figuren, die er sich erdacht hat. Nein, Gott hat uns das Leben geschenkt, das Leben als Menschen. Und zu diesem Leben gehören. Glück und Elend, Gesundheit und Krankheit, Liebe und Trennung – und am Ende eben der Tod. Die Last des Schicksals kann für viele Menschen unsagbar schwer werden. Aber sie kommt nicht von Gott.

Jesus aber bietet uns an: wenn euch die Last des Schicksals drückt, kommt zu mir. Nicht, weil ich euch eine einfache Lösung für eure Probleme anbiete,sondern weil ihr bei mir einfach sein dürft. So wie ihr seid.

Wer sich so von Jesus stärken lässt, sich selber in seiner liebevollen Gegenwart wahrnimmt und aushält, wer in diesem geistlichen Sinne zu sich kommt, der wird in Jesu Gegenwart Gott neu in seinem Leben wahrnehmen. Er oder sie kann in der Bibel lesen, wie Jesus an der Seite der Menschen steht,die besondere Lasten zu tragen haben. Er oder sie wird sich wiederfinden, in den Gleichnissen, die Jesus erzählt – vielleicht im verlorenen Sohn, der zum Vater zurückkehrt und mit offenen Armen aufgenommen wird, oder in dessen älteren Bruder, der sich ärgert, dass seinem Bruder, der so viel falsch gemacht hat, die ganze Aufmerksamkeit zukommt. Oder in einem der Menschen, die achtlos am ausgeraubten Mann vorbei gehen, weil sie Wichtigeres zu tun haben. Oder in einem der Männer, die so unterschiedlich mit den ihnen verliehenen Talenten umgeben. Er oder sie wird staunen, wie Jesus die Menschen, die um seine Hilfe bitten, fragt, was sie wirklich brauchen – und dann ihre Augen für die Welt um sie herum öffnet, sie neu in Bewegung bringt, die Sünden vergibt und neue Anfänge ermöglicht.

Wer sich so von Jesus stärken lässt, hört seine Worte und erkennt: sie sind der Weg für ein gelungenes Leben. Sie sind eine Einladung, seine Gegenwart auch andere Menschen erfahren zu lassen. Aus diesen Worten spricht Gott selbst zu uns. Wer sich so von Jesus stärken lässt, wird sein Leben und sein Handeln als eine einzige liebevolle Zuwendung wahrnehmen können. Dieser Mensch Jesus ist mir in Freude und Leid,im Lieben und im Zorn, im Leben und Sterben nahe. Dieser Mensch Jesus war sich und Gott gegenüber immer wahrhaftig und treu, aber er hat es erlebt, wenn andere ihn allein ließen. Und wenn ich am sinnlosen, gottlosen Leid in dieser Welt zu verzweifeln drohe, dann sehe ich auf’s Kreuz und höre ihn rufen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.

In diesem Menschen Jesus begegnet mir Gott. Ein liebevoller Gott, der mich begleitet, der annimmt, der mir zur Seite steht. In diesem Menschen Jesus begegne ich mir selbst – meiner Menschlichkeit, meiner Lebensfreude, aber auch meiner Verletzlichkeit und meinem Leid. Wenn ich diesem Menschen Jesus begegne, erkenne ich in seiner freundlichen Zuwendung meine Härte, in seinem Licht meine verborgenen und dunklen Seiten, in seiner Liebe meine Lieblosigkeit.

Das ist das Joch,das er mir auferlegt, wenn ich mich von ihm stärken lasse. Das ist die Last,die er mir abverlangt: ein ehrlicher, aber liebevoller Blick auf meine Wirklichkeit. Wer diesem Jesus begegnet, bekommt eine Ahnung von Gott. Einem Gott, der nicht als grausamer und allwissender Gott mit seinen Spielfiguren spielt, sondern einem Gott, der zu uns kommt. Der sich kümmert. Der wissen will, was wir brauchen. Der es selbst herausgefunden hat, in Jesus Christus.

Wer heute diesem Jesus begegnet, begegnet aber auch dem Auferstandenen, der den ganzen traurigen Weg über mit den Emmausjüngern mitlief, sich ihnen dann bei Tisch offenbarte und ihnen so die Augen öffnete. Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? fragen sie sich im Rückblick. Um diesen Jesus beim Wort zu nehmen, muss man nicht Theologe oder Pfarrer, auch nicht Lektor oder Lektorin, sein.

Die Zeugen für diesen Jesus, sie sitzen hier in der Kirche oder zuhause in der Stube, dort wo gearbeitet wird oder im Zimmer eines Altenheims. Da sind Menschen die durch ein hartes Schicksal, durch schwere Krankheit, durch Trauer um einen Menschen, eigene oder fremde Schuld oder ihren bevorstehenden Tod beladen sind, und die ihre Kraft und ihren Trost bei Jesus finden. Sie sind Hausfrauen, Handwerker, Bäuerinnen oder Arbeiter. Manchmal haben sie auch Abitur und Studium hinter sich. Aber das bedeutet keinen qualitativen Unterschied darin,wie sie ihren Glauben leben.

Mit erstaunlicher Kraft nehmen manche von ihnen ihr Schicksal an und sagen: „Gott sei Dank, weiß ich den Herrn Jesus bei mir.“ Sie nehmen Jesus beim Wort – und finden Ruhe für ihre Seelen, wie es Jesus sagt. Sie verrichten ihre Arbeit, sitzen oder liegen in ihrem Krankenzimmer, sorgen für die Menschen, die ihnen anvertraut sind, führen ein Unternehmen oder genießen ihre Rente. Aber wenn sie einmal mit jemandem ins Gespräch kommen, spürt das Gegenüber bald, dass sie sich auf eine Kraftquelle verlassen, die nicht aus ihnen selbst heraus kommt. Und irgendwann werden sie erzählen,wie sie sich in ihrem Leben auf diesen Christus verlassen, der sie begleitet, der bei ihnen ist, als Bruder, als Hirte, als Freund, als Retter.

Die Witwe an der Kirchentür war wohl eine von ihnen. Sie zeigt ihrem Pastor: So sehr er sich immer um eine theologisch verantwortbare und handwerklich gut gemachte Predigt bemühen wird – am Ende liegt es nicht an ihm. Am Ende liegt es an Christus und daran, wer seine Einladung annimmt. Niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Wir, die wir in der Taufe Jesu Geschwister geworden sind, dürfen in Jesus den Vater erkennen. Zu ihm dürfen wir kommen, mit allem, womit wir mühselig und beladen sind. Denn er will uns erquicken. So reich sind wir beschenkt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

(Lesepredigt: Pfarrer Dr. Alexander Reichelt)

Lied der Woche:

Komm sag es allen weiter. Evangelisches Gesangbuch Nr.225

Segenslied:

Segne uns, o Herr! Lass leuchten dein Angesicht über uns und sei uns gnädig ewiglich.

Segne uns, o Herr! Deine Engel stell um uns. Bewahre uns in deinem Frieden ewiglich!

Segne uns, o Herr! Lass leuchten dein Angesicht über uns und sei uns gnädig ewiglich.

Dieser Beitrag wurde unter Corona, DaLaQui, Damnatz, Langendorf, Quickborn, Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Gottesdienst in Quickborn und Langendorf am 2. Sonntag nach Trinitatis

  1. Tamara Haaker-Jung sagt:

    Hallo Jörg,das hast du sehr ausführlich und super beschrieben. Das freut mich sehr.
    Einen schönen Sonntagabend.Liebe Grüsse Tamara

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.