Ein kleines Licht am 20. Juli

Eiszeit

Für mich ist Nena nicht die Königin der Neuen Deutschen Welle. Ich finde, der Titel gebührt eindeutig der großen Anette Humpe. Und sie ist nicht einfach die Königin, sie ist die Eiskönigin jener Musikbewegung, die in Anfang der 80ger für ein paar Jahre dominierte. Und die dann plötzlich auch wieder verschwand.

Und die erste Frau in dieser Szene war wie gesagt Anette Humpe mit der West-Berliner Band Ideal. Die bekanntesten Lieder von Ideal sind wahrscheinlich „Blaue Augen“ und „Berlin“. Ich mag besonders gern den Song „Eiszeit“ aus dem Jahr 1981.

Ich erinnere mich noch, wie Ideal bei uns in der Schule das erste Mal Thema wurde. Ideal waren die Ersten, die unter der Bezeichnung Neue Deutsche Welle so richtig berühmt wurden. Aber wenn einer anfangs von dieser neuen Band sprach, dann nicht zusammen mit anderen deutschen Bands.

Ideal war eine New-Wave-Band mit deutschen Texten. Man nannte sie in einem Atemzug mit den ganz Großen: The Police, U2 und Fisher-Z. Unter den deutschen Band gehörten sie in die Nähe von härteren und ernsteren NDW-Bands wie Fehlfarben oder Extrabreit.

Mit den teilweise witzigen, überdrehten, albernen und manchmal einfach peinlichen Bands und Songs, die dann in den folgenden Jahren die Neue Deutsche Welle prägten, hatte Ideal absolut nichts zu tun.

Aber woher kommt Ideal musikalisch und wofür steht diese Band? Die Pop-Musik ist ja wie alles andere auch Moden unterworfen. Jeder Stil, jede Machart, aber auch jede Botschaft in der Musik nutzt sich mit der Zeit ab. Und dann muss der Stil sich erneuern oder ersetzt werden.

Die Hippies aus den späten 60gern mit ihrer Botschaft von „Love, Peace and Happyness“ hatten sich nicht durchsetzen können. Die Welt steckte immer noch im Kalten Krieg, die Gesellschaft wollte sich nicht grundlegend ändern. Alt-Hippies zogen sich in ihre Nischen in alternativen WGs oder Landkommunen zurück. Ihre Songs spielten jetzt sie selbst auf der Gitarre am Lagerfeuer. Sonst wollte das keiner mehr hören.

Der Rock der 70ger hatte die Rebellion versucht. Der Aufstand war allerdings längst zur Pose verkommen. Auf der Bühne standen Glamrocker in albernen Kostümen und spielten in Macho-Manier den wilden Mann oder ergingen sich als Mitglieder von Supergroups in endlosen Soli und Fingerspielereien, Rockopern oder beifallheischenden Konzeptalben. Das höchste der Gefühle und der angestrebte Ritterschlag war, wenn eine Band zusammen mit den Londoner Philharmonikern musizieren durfte. Man spielte die Rebellion vielleicht noch und täuschte große Gefühle vor, gehörte aber längst zum Establishment.

Der Punk machte Schluss mit der musikalischen Heldenverehrung. Dilettanten ohne Ahnung von Musik verfuhren nach dem Motto: „Schnapp dir eine E-Gitarre und werde ein öffentliches Ärgernis“. Die Sozialkritik war damit wieder in die Musik zurückgekehrt. Ebenso eine wilde und unverbrauchte Energie. Aber wer ein bisschen Ahnung von Musik hatte und wer sein Instrument beherrschte, der konnte im Punk nicht wirklich alt werden. Und nur „No Future“ und Dosenbier ist vielleicht auch keine gute Wahl auf Dauer.

So entstand der New Wave als Stilrichtung und als deutscher besonderer Weg die „Neue Deutsche Welle“. Die Band Ideal nimmt einen Teil ihrer musikalischen Anleihen auch eher aus dem Punk, ergänzt das Instrumentarium aber um das Keyboard.

Sie entwickelten einen harten, klaren Sound. Mit dem gewollten Geschrabbel mancher Punkbands hat das aber nichts mehr zu tun. Bei Ideal sitzt jeder Ton. Anette Humpe sticht als Sängerin und Keyboarderin in der Rockszene jener Zeit heraus. Dass eine Band einer Frau ein Mikro in die Hand drückt, hatte man schon öfter gesehen. Dass sie als Instrumentalistin und Komponistin die musikalische Ausrichtung bestimmt, schon seltener.

Absolut einzigartig war jedoch Anette Humpes unterkühlter Habitus. Von ihr gab es von der Bühne kein Lächeln, keinen verführerischen Blick, kein Augenzwinkern. Von ihr gab es keine sichtbare Emotion außer vielleicht Überlegenheit.

Während sich manche andere Bands hübsche Sängerinnen zumindest auch als Blickfang auf die Bühne stellten, herrschte bei Ideal die Eiskönigin. Und die bewunderte und ihr huldigte man. Sie betrachtete man mit Respekt, Abstand und der nötigen Vorsicht. Humpe war die Chefin auf der Bühne und letztlich im ganzen Konzertsaal.

Wenn Anette Humpe und Ideal eins waren, dann waren sie cool. Keine vorgetäuschten Gefühle, keine falschen Leidenschaften. Natürlich gehörte auch das alles zur Show. Aber zu einer Show, die dich nicht verführen oder vereinnahmen wollte.

Wenn die 80ger Jahre das Jahrzehnt der Individualisierung und Modernisierung waren, dann lieferte Ideal den Soundtrack dazu. Gerade mit dem Titel „Eiszeit“. In diesem Song wird der Zeitgeist der Postmoderne auf die Spitze getrieben. Der Einzelne ist von allem Zwängen, Bindungen und Verpflichtungen befreit. Das Ich existiert am besten allein und in perfekter Isolation. Kontakte braucht es nicht mehr. Das Telefon ist seit Jahren still. Du bist der Star in deinem eigenen Film, andere stören da nur. Selbst Liebe und Zärtlichkeit erlebst du am innigsten von dir selbst. Und von alldem gibt es keinen Weg mehr zurück: Der Panzerschrank ist aus Diamant. Keiner kennt die Kombination, um da noch die Tür zu öffnen.

Aber wer Ideal jetzt als Befürworter von Egoismus, von Egozentrik oder Hedonismus versteht, der ist auf dem falschen Dampfer.

Eine „Eiszeit“ ist kein Modell für eine glückliche oder auch nur erträgliche Zukunft oder Lebenseinstellung. Minus 90 Grad ist keine Temperatur, bei der es sich gut einrichten ließe. Und ein „Labyrinth der Eiszeit“ ist ein Ort, in dem man sich verirrt und verrannt hat. Definitiv kein Platz für eine schöne, neue Welt.

Im Gegenteil, der Song hat eine paradoxe Wirkung. Er zeigt mir zwar nicht die Lösung, aber er stößt meine Nase auf das Problem:

Alle Worte tausendmal gesagt, alle Fragen tausendmal gefragt, alle Gefühle tausendmal gefühlt – tiefgefroren – tiefgekühlt“. Wir lebten in den 80ger Jahren in einer abgenutzten und verbrauchten Welt.

Die Utopien der 60ger und 70ger Jahre hatten sich erschöpft. Die Erde taumelte im Rüstungswettlauf und der Umweltzerstörung auf eine ernste globale Krise zu. Die fortschrittlichen Kräfte in der Gesellschaft erlahmten. Das Heil wurde in einem Rückfall auf alte Ideale und in alte Muster gesucht.

Eigentlich suchte man in der Zeit nach einem neuen Aufbruch, statt dessen stand der Beginn einer bleiernen, rückwärts gewandten Zeit bevor.

Cool“ zu sein, bedeutete, sich in einer schweren und beängstigenden Zeit nicht erschüttern zu lassen. „Cool“ sein war eine äußerliche Haltung, während man sich innerlich nach etwas ganz anderem sehnte.

Dieser Gegensatz zeigte sich auf jedem Konzert. Ideal klang cool und besang die absolute Coolness, aber wer zu der Musik tanzte, der rastete total aus. Ideal besang die Einsamkeit in einer unterkühlten Welt. Aber wenn ihre Songs auf Partys gespielt wurden, dann erlebten wir das genaue Gegenteil. Ideal sang von Luxus, Äußerlichkeiten und ließ das Ego hochleben. Aber Markenklamotten sah man gerade bei ihren Fans kaum. Die mit den Bundfaltenhosen, Boss-Shirts und mit Slippern waren bei Ideal eher fehl am Platz.

Ich finde keinen Bibelspruch, mit dem ich Ideal oder das Lied „Eiszeit“ in eine christliche Richtung deuten könnte. Das ist kein Wunder. Kirche ist nicht cool. Vielleicht leider.

Denn oft wird es mir in der Kirche für meinen Geschmack auch ein bisschen zu „gefühlig“. Ist es eigentlich sonderlich einfallsreich, dass wir in Gottesdiensten, Andachten und bei Zusammenkünften ständig irgendwelche Kerzen anzünden? Ist das immer eine gute Idee, einen Strauß Blumen und bunte Tücher in die Mitte zu legen? Müssen neumodische Kirchenlieder eigentlich immer sanfte Melodien und seichte Texte haben? Ich finde, dass Adjektive wie „schön“, „gefällig“ und „gemütlich“ nicht gezwungenermaßen zum christlichen Glauben dazu gehören müssen.

Ganz ehrlich: Oft ist das doch auch einfach Show, nicht aus tiefstem Herzen, ohne nachzudenken immer und immer wieder einfach hingestellt. Und manchmal habe ich das so satt! „Alle Worte tausendmal gesagt, alle Fragen tausendmal gefragt, alle Gefühle tausendmal gefühlt – tiefgefroren – tiefgekühlt“.

Ich weiß wirklich nicht wie und ob das überhaupt eine gute Idee ist – aber manchmal wünsche ich mir, dass die Kirche einfach auch mal cool wäre. Frech, abgebrüht, unverbraucht. Ohne diesen „Am allerbesten sind wir für richtig alte Leute geeignet“-Muff. Das wäre nicht nur gut für die Jungen. Auch für die Alten. Das wäre gut für alle.

Das fünfundneunzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Und hier kannst du dir den Song noch einmal live ansehen:

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

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