Ein kleines Licht am 17. Juni

Schöne Gottesdienste?

Seit einem Monat und einer Woche feiern wir jetzt wieder Gottesdienst mit richtigen Menschen. Inzwischen haben wir so ziemlich alles durch: Draußen an Himmelfahrt in Sipnitz, an Pfingstsonntag in Damnatz neben der Kirche und an Trinitatis in Laase auf dem Dorfplatz. In der Kirche in Damnatz, Langendorf und in Quickborn.

Das alles mit den üblichen Vorschriften: Die Gemeinde trägt den Mundschutz und darf nicht singen. Die Hände werden desinfiziert und man sitzt 1,50 Meter auf Abstand in jede Richtung. Außer man gehört zur selben Hausgemeinschaft.

Die Namen und Telefonnummern werden aufgeschrieben. Falls was passiert, kann man später alle anrufen. Am Ende winkt der Pastor und es gibt keinen Handschlag an der Kirchentür.

Musik gibt es instrumental mit Orgel, E-Piano und Posaunen. Solo-Gesang zur Gitarre mit bis zu vier SolistInnen. Oder die Musik kommt vom Computer in den Lautsprecher.

Jetzt Sonntag hatten wir die erste Taufe.

Alles so weit, so gut. Aber sind diese Gottesdienste unter Corona-Bedingungen dann auch schöne Gottesdienste? Und was sind eigentlich „schöne“ Gottesdienste?

Das Erste, was mir auffällt: Es ist alles ungewohnt. Vor mir in den Bänken sehe ich nur Masken und halbe Gesichter. Ob einer lächelt oder ob eine grimmig guckt, ist nicht so leicht zu erkennen. Aber die Augen verraten doch so einiges. Ob eine lacht oder einer gelangweilt zur Seite guckt, das kriege ich mit. Ich muss nur genauer hinsehen oder hinhören.

Überhaupt nehme ich die Stimmung auf und auch die Stimmungsunterschiede. In der einen Kirche wirken die Menschen fröhlich. In der anderen ziemlich reserviert. Die eine hat einen offenen, freundlichen Blick. Der wirkt verdrießlich von Anfang bis zum Ende. Und manche sagen oder schreiben nachher ja auch, wie sie den Gottesdienst so erlebt haben: „Das war ein schöner Gottesdienst. Endlich wieder beieinander sitzen, auch wenn es gar nicht so nah ist“ oder „Das war für mich überhaupt kein schöner Gottesdienst, weil wir da gar nicht singen durften. Und weil ich die ganze Zeit diese Maske vor der Nase hatte“.

Ich kann beide Seiten gut verstehen. Singen kann schön sein und macht Spaß. In der Gemeinschaft den Glauben feiern, das ist schön. Masken, Vorschriften, Desinfektionsmittel hingegen sind nicht „schön“. Sie sind hoffentlich sinnvoll und können dennoch zeitgleich nerven. Natürlich feiere ich lieber schöne Gottesdienste, als Gottesdienste, die nicht schön sind.

Manche sagen: „Weil das so keine schönen Gottesdienste sind, gehe ich da jetzt nicht hin!“

Meinetwegen okay. Aber ein bisschen wundere ich mich auch. Ist „schön“ bei Gottesdiensten überhaupt wichtig? Wenn ich ins Restaurant oder ins Kino gehe, dann will ich einen schönen Abend genießen. Wenn ich mir eine Hose oder eine Jacke kaufe, dann suche ich mir was Schönes aus. Ist das bei Gottesdiensten jetzt das Gleiche oder ist das nicht doch eigentlich ein etwas komischer Maßstab?

Die Corona-Zeit ist eine Krisenzeit. Was haben die Menschen eigentlich in früheren Zeiten in der Krise von der Kirche erwartet?

Nach den Castortransporten war am Abend danach immer ein Gottesdienst in der Langendorfer Kirche. Die Menschen waren, traurig, wütend, frustriert und erschöpft. Am Ende konnte, wer das wollte, sagen was er auf dem Herzen hat. Oder das als Gebet an Gott richten. Viele haben geweint. Viele haben herzergreifend traurige Dinge gesagt. Schön war das nicht. Aber es hat mich getröstet.

Nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center haben wir in der Quickborner Kirche ein Friedensgebet gehalten. Wir haben Kerzen angezündet und auf die Altarstufen gestellt. Alle waren entsetzt, wie Menschen, anderen Menschen so etwas antun können. Das war überhaupt nicht schön. Trotzdem war ich an dem Abend froh, nicht alleine bleiben zu müssen. Ich war froh, dass auch andere mit mit zusammen geschockt waren und irgendwie gebetet haben.

Wie feiern die Menschen Gottesdienste im Hunger und im Krieg? Oder wenn das Wasser hoch am Deich steht und der Regen nicht aufhören will? In Kirchen, denen das Dach weggebombt ist? In Kirchen, aus Brettern zusammengezimmert in irgendeinem Lager? Fragt da denn irgendwer nach „schön“? Und ist das überhaupt wichtig, dass diese Gottesdienste schön sind?

Ich mag lieber Gottesdienste, die schön sind, als welche, die unschön sind. Ich habe mir in der Vergangenheit viel Mühe gegeben, Gottesdienste auf irgendeine Weise auch schön zu gestalten. Jetzt frage ich mich, ob das nicht irgendwie auch ein Fehler ist. Die Kirche ist kein Wellness-Programm. Sie darf zu keinem Schickimicki-Ding werden, das den Sonntag ein bisschen runder macht. Eigentlich sind „schöne“ Gottesdienste ein Scheißdreck.

Ich will gerade jetzt eigentlich lieber „wichtige“ Gottesdienste haben. Wo ich etwas bekomme, was mir sonst bitter fehlt. Was mir hilft, durch diese Woche zu kommen. Gottesdienste, die wichtig sind, brauche ich. Und wenn dir dann hässlich sind, mit Maske und ohne Musik, dann ist mir das egal. Darauf kommt es nicht an.

Das zweiundneunzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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