Ein kleines Licht am 16. Juni

von Heike Sieberns; Vikarin in Damnatz, Langendorf und Quickborn

Mit den Gezeiten

Meine Heimat ist die Küste in Ostfriesland. Direkt gegenüber von meinem Heimatort liegt die Insel Spiekeroog. Jeden Tag spielt sich dort das Naturschauspiel der Gezeiten ab.
Das Wasser kommt. Es ist Flut. Das Meer erreicht den Pegel Hochwasser. Es berührt die Küste. Algen und Muscheln werden an Land gespült.
Und dann geht das Wasser wieder. Langsam zieht es sich zurück. Ebbe. Das Watt zeigt sich. Das ablaufende Wasser hinterlässt seine Spuren im Meeresboden. Als hätte das Wasser seine Wellen dort eingezeichnet. Nach sechs Stunden ist Niedrigwasser.

Im Hafen liegt noch ein Krabbenkutter. Früher waren es mehr. Auf dem Kutter arbeiten die letzten beiden Fischer des Dorfes. Die zwei Männer richten ihren Tag nach den Gezeiten. Mit dem Kutter können sie nur raus, wenn das Wasser hoch genug steht. Sie fahren raus bis hinter die Inseln. Dort werfen sie ihre Netze aus. Dort können sie auch bei Niedrigwasser bleiben. Denn dort fällt der Meeresspiegel nicht bis auf den Grund. Manchmal bleiben sie für mehrere Nächte draußen. Die Netze müssen erst voll genug sein. Sonst hat sich die Tour nicht gelohnt. Erst dann geht es zurück in den Hafen. Dann, wenn auflaufend Wasser ist. Jede Tour beginnt bei hohem Wasserstand und endet damit.

 

 

Die Männer vom Kutter erinnern mich an Mönche im Kloster. Ihre Struktur für den Tag sind die Tagzeitengebete. Morgens. Mittags. Abends. Und ein Gebet zur Nacht. Die Glocken erinnern zum Gebet. Wenn der erste Schlag erklingt, ist Zeit, um die Arbeitskleidung abzulegen. Zum Gebet wird der Habit getragen. Das Gebet ist vertraut. Ein Rhythmus, der trägt. Wie das Wasser den Kutter.
Jeder Tag ist gleich. Trotzdem steht der Tag für sich und bleibt sich eigen.
Zwischen den Gebeten findet der Alltag statt. Arbeiten im Garten. Reparaturen am Haus. Gespräche mit Gästen. Aber jeder Tag beginnt im Gebet und endet dort.

Die Männern im Kloster und auf dem Kutter lassen sich in einen Rhythmus fallen. So eine Routine bringt Ruhe. Die äußere Form ist klar. Die äußere Form ist wie gestern, wie vor zehn Tagen, wie damals. In diese Form fällt der neue Tag hinein. Der Tag steht für sich. Er bringt etwas Neues. Weil er sich eigen ist. Dieser Tag ist heute. Nicht gestern und nicht morgen. Die Struktur ist gegeben. Ich muss sie nicht mühselig suchen. Muss nicht abwägen, welche Struktur die wohl bessere ist. Die Entscheidung ist schon getroffen.

Die Männer auf dem Kutter können sich darauf konzentrieren ihre Netze vorzubereiten. Können schauen, was das Wetter bringt. Wie die Strömung heute ist.
Die Männer im Kloster können in die Begegnung mit Gott gehen. Schauen, wie begegnet Gott in der heutigen Tageslesung. Was macht das mit mir? Wie bringt mich das zu den Menschen in der Welt?

Jeden Tag spielt es sich ab.
Die Gezeiten. Das Gebet.
Das Wasser kommt – die Worte auch.
Das Wasser geht – die Worte auch.
Das Wasser hinterlässt seine Spuren im Meeresgrund. Jeden Tag ein anderes Gesicht. Wie die Worte Gottes. Als hätte Gott sich eingezeichnet.

Das einundneunzigste kleine Licht.
Bleiben Sie behütet.
Ihre Vikarin Heike Sieberns

 

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

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Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an heike.sieberns@evlka.de.

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1 Antwort zu Ein kleines Licht am 16. Juni

  1. Margret Bahn sagt:

    Hallo Heike !
    Deine Mutter hat schonmal Gedanken von Dir an die Montagsturnerinnen weitergeleitet. Auch damals interessierten sie mich, doch ich wollte sie in Ruhe beim Ausklingen des Tages in mich aufnehmen. Doch wie es oft ist, behält man den Wunsch im Kopf – und vergisst dieses Vorhaben oder verschiebt es wieder.
    Heute habe ich es geändert und gleich Deine Gedanken gelesen. Es gefällt mir, wie Du schreibst. Man ist gespannt, liest, nimmt jedes Wort in sich auf, will mehr erfahren und endet erst beim Schluss – mit einem Seufzer und einem Lächeln im Gesicht. Ich danke Dir für diese Momente der Ruhe, des Insichkehrens, des Abschaltens.
    Ganz liebe Grüße von Margret Bahn🙏

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