Ein kleines Licht am 6. Juni

Im Zweifel für den Zweifel

Am Samstag tue ich wieder einen Griff ins CD-Regal und schnappe mir die CD „Schall und Rauch“ der Hamburger Band Tocotronic.

Die Band Tocotronic wurde im Jahr 1993 in Hamburg gegründet und hat bis heute zwölf Alben aufgenommen. Ende der 1990er Jahre wurde die Band kommerziell erfolgreich und seither kam jede CD von Tocotronic in die Top 10 der deutschen Album-Charts.

Tocotronic gilt mit als einer der Begründer und eine der wichtigsten Bands der sogenannten Hamburger Schule. Ihre Musikrichtung kann man als Indie-Rock oder Indie-Pop bezeichnen, wobei ihre Stücke selten Hit-Charakter haben oder fürs Radio geeignet sind.

Woher stammt dann die vergleichsweise hohe Popularität der Band? Tocotronic machen Musik mit einem künstlerischen Anspruch. Ihre Texte sind komplex, meist lyrisch, provokativ und gegen den Zeitgeist gerichtet. Ist die gesellschaftliche Stimmung optimistisch, so schreibt Tocotronic deprimierte, nachdenkliche Texte. Ist die Stimmung gedrückt, verbreitet Tocotronic Zuversicht und Hoffnung. Mit dieser Widerständigkeit wurde und blieb Tocotronik der Liebling von Kritik und Feuilleton und vielen, die künstlerisch mit der deutschen Sprache arbeiten.

Ein Beispiel: Das Stück, um das es heute geht, gehört zum Unterrichtsmaterial des Goethe-Instituts. Mit Tocotronic lernen Französinnen und Franzosen die deutsche Sprache und etwas über die deutsche Kultur.

Das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ ist geradezu eine Hymne gegen falsche Sicherheiten und Selbstüberschätzung. Es ist eine Gegenrede zum positiven Überschwang eines „Es-wird-schon-alles-gut-gehen“-Gesellschaft oder einer „Wir-haben-die-Weisheit-mit-Löffeln-gefressen“-Bewegung. Aber hört selbst:

Als erstes fällt auf: Das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ hat jede Menge Text. Es sind sechzehn vierzeilige Strophen. Allerdings werden bei der 16. Strophe die beiden letzten Zeilen als Ausklang noch einmal wiederholt, so dass die 16. Strophe eigentlich sechs Zeilen hat.

Wiederholungen sind ohnehin das prägende Stilmittel im Text: Jede Strophe und die dritte Zeile in 10 von 16 Strophen beginnen mit den Worten „Im Zweifel“.

Bei den ersten drei Strophen ist die ganze erste Zeile identisch. Zusätzlich sind die Strophen 1, 6, 11 und 16 identisch, ebenso wie die Strophen 4, 9 und 14 wortwörtlich gleich sind.

Auch musikalisch folgen die Strophen dem gleichen, nur wenig variierten Lauf eine einfachen Melodie. Nur wenige Instrumente werden verwendet und die Musik legt sich unaufdringlich hinter den Text. Es geht um die Worte.

Die Wiederholungen im Text sind allerdings nicht stupide, sondern sie führen den Hörer Stück für Stück weiter. Das Ganze erinnert da an den bekannten Text aus Prediger 3, in dem jegliches Ding und jeder Tätigkeit seine Zeit haben. Auch dort wird scheinbar endlos aufgezählt, ohne zu viel zu sagen, obwohl man das Prinzip doch nach wenigen Versen vollkommen begriffen hat.

In ihrem Lied geht es Tocotronic um Frage, welche Wahl ein Mensch im Zweifel treffen soll. Wie in einer Meditation, fast wie in einer Art Trance wird wiederholt, dass die Wahl im Zweifel für den Zweifel oder die Unsicherheit oder Unentschlossenheit fallen soll.

Die Provokation von Tocotronic liegt also darin, dass die Entscheidung dabei fast ausschließlich für Dinge oder Verhaltensweisen ausfällt, die gemeinhin eher als Schwächen aufgefasst werden.

Doch was steckt dahinter? In einer aufgeputschten Gruppe, in einer Volksbewegung, in einer emotional geführten Debatte werden Zwischentöne, Fragen oder Zweifel schnell bei Seite gewischt. Das geschieht dann, wenn die Gruppe im freudigen Überschwang handelt, aber auch dann, wenn die Gruppe ängstlich oder zornig ist. Dann werden aus Sätzen Parolen und aus Parolen unüberlegte und manchmal sogar unmenschliches Handeln.

Der Zweifel wirkt da wie Sand im Getriebe, er verlangsamt und bremst den Aktionismus und verschafft Zeit zum Nachdenken.

So betrachtet ist „Im Zweifel für den Zweifel“ ein Lied gegen die Hysterie, gegen Fanatismus, gegen Ideologie und Polarisierung. Wer zweifelt, kann das „Wir-gegen-die“- Spiel nicht mitspielen.

Tocotronic zeichnet in dem Song ein kritisches, sogar ein skeptisches Menschenbild, in dem alle Menschen unsicher, irrend, fehlerbehaftet und gegebenenfalls auch schwach sind. Theologisch würde man sagen: Wir Menschen sind allesamt Sünder.

Schieben wir diesen Gedanken bei Seite, halten wir uns für allwissend, unfehlbar und zweifellos auf dem richtigen Weg, dann steht das Tor zum Fanatismus, zu Ideologie und Gewalt gegen Andersdenkende weit offen. Doch mit einem Zweifler und Zauderer ist so ein Staat oder so eine Bewegung nicht zu machen.

Und hier tut sich eine erstaunliche Brücke zur christlichen Botschaft auf: Wir Christinnen und Christen gehen davon aus, dass wir Menschen alle Sünder, also mit Fehlern behaftete und zu falschen Entscheidungen fähige Menschen sind. Jeder von uns sollte sich selbst also mit einer gewissen Vorsicht betrachten. Gerade wenn er bei sich einen gewissen Überschwang oder Feuereifer verspürt. Außerdem leben wir aus Gottes Gnade und Vergebung. Das heißt: Wir dürfen sogar so sein, wie wir sind. Wir müssen unsere Unzulänglichkeiten nicht überspielen, verdrängen oder übergehen.

Ein Christ wird nie perfekt sein. Niemals tadellos oder über alle Zweifel erhaben. Aber er soll sich selbst prüfen, an der Liebe Gottes ausrichten und immer wieder korrigieren.

So gesehen ist ein Christ oder eine Christin immer ein Zweifler an sich selbst und an allen falschen Gewissheiten. So betrachtet ist der Zweifel geradezu eine Voraussetzung für einen Glauben, der nicht in falsche Gewissheit oder Fanatismus kippen soll.

Das einundachtzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Und hier ist noch mal der Songtext:

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel
Und für die Pubertät
Im Zweifel gegen Zweisamkeit
Und Normativität

Im Zweifel für den Zweifel
Und gegen allen Zwang
Im Zweifel für den Teufel
Und den zügellosen Drang

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Und doch muss ich erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für Verzärtelung
Und für meinen Knacks
Für die äußerste Zerbrechlichkeit
Für einen Willen wie aus Wachs

Im Zweifel für die Zwitterwesen
Aus weit entfernten Sphären
Im Zweifel fürs Erzittern
Beim Anblick der Chimären

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Mir bleibt noch zu erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel
Und die Unfasssbarkeit
Für die innere Zerknirschung
Wenn man die Zähne zeigt

Im Zweifel fürs Zusammenklappen
Vor gesamtem Saal
Mein Leben wird Zerrüttung
Meine Existenz Skandal

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Und doch muss ich erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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