Ein kleines Licht am 17. Mai

von Heike Sieberns; Vikarin in Damnatz, Langendorf und Quickborn

Händewaschen zum Gebet

Mit der vollen Einkaufstasche stehe ich vor meiner Haustür. Etwas ungeschickt fingere ich den Haustürschlüssel aus meiner Jackentasche und öffne die Tür. Die Tasche kurz abgestellt, Schuhe ins Regal und die Jacke an den Hacken. Jetzt noch kurz die Hände waschen und dann… Nein…

Seit einigen Wochen ist es nicht mehr mein normaler Gang zum Waschbecken. Ich bin grundsätzlich ein Fan von sauberen Händen. Einige würden auch sagen, ich sei leicht zwanghaft. Besonders deutlich wird das, wenn man mich beim Backen beobachtet. Ich schlage das erste Ei auf, schmeiße die Eierschale weg, halte meine Hände kurz unter fließendes Wasser und trockne sie ab. Ich schlage das zweite Ei auf, schmeiße die Eierschale weg und halte meine Hände wieder kurz unter fließendes Wasser und trockne sie ab. Sicherlich würde es Wasser und Zeit sparen, die Hände erst dann zu waschen, wenn alle Eier aufgeschlagen sind. Aber das halte ich einfach nicht aus. Meine Hände sind klebrig und glipschig. Und das will ich nicht. Ich wasche daher lieber einmal mehr die Hände. Damit geht’s mir besser. 

Und so ähnlich ist es auch, wenn ich unterwegs war und wieder nach Hause kommt. Es ist einfach ein besseres Gefühl, einmal kurz die Hände zu waschen. Seit einigen Wochen ist es aber kein kurzes Händewaschen mehr. So, wie jetzt die Masken zum neuen Outfit gehören, gehört auch das lange Händewaschen zur neuen Normalität. Und obwohl ich schon viel und gerne meine Hände wasche, ist das jetzige Händewaschen eine neue Form. Und auch eine kleine Herausforderung. 30 Sekunden sind keine lange Zeit. Dachte ich. Als ich beim Händewaschen dann die 30 Sekunden runter zählte, kam es mir wie eine kleine Ewigkeit vor.

Von einigen hatte ich gehört, dass die zwei Mal „Happy Birthday“ beim Händewaschen singen. Dann müsste man nicht zählen und hätte lange genug Hände gewaschen. Sicherlich schon mal kreativer, als einfach nur die Sekunden zu zählen. Aber mir selber täglich mehrmals dieses Geburtstagslied zu singen, kam mir merkwürdig vor. Selbst wenn ich Geburtstag hätte. Ich singe mir diese Gratulation doch nicht selber zu. Wenn, dann lasse ich sie mir zusingen. Aber wenn ich dann nicht mal Geburtstag habe, wird es nur noch schräger. Also haben ich weiter gezählt. 30, 29, 28, 27, …

Bis ich zufällig auf eine andere Idee traf. Einfach mal ein Vater Unser beim Händewaschen beten. Das ist doch niemals lange genug… Vielleicht aber doch. Denn gegen ein Vater Unser wäre nichts einzuwenden. Kurzerhand hatte ich die Stoppuhr auf meinem Handy parat und habe losgebetet. Und tatsächlich: Wenn ich es nicht runterrattere, lande ich bei „Amen“ auf  Sekunde 28. Das ist zwar keine Punktlandung, aber schon sehr nah dran. Anschließend nochmal tief ein- und ausgeatmet und dann habe ich die 30 Sekunden, die es braucht.

Mit einem Vater Unser die Zeit zu messen, ist gar nicht so ungewöhnlich. In alten Rezeptbüchern lassen sich auch „Vater-Unser-Angaben“ finden. Dort steht dann sowas wie „den Teig für sechs Vater-Unser durchkneten“. Eigentlich eine ganz praktische Angabe, denn ich brauche keine Uhr. Außerdem hilft diese Angabe Menschen wie mir, die kein Zeitgefühl haben. So ein Vater Unser hat ein gewisses Tempo, um würdig und angemessen gesprochen zu werden. Das pendelt sich irgendwo zwischen 25 und 30 Sekunden ein. Und dieser Text ist vielen Menschen vertraut. Früher eventuell noch mehr als heute. 

Aber abgesehen davon, dass ich das praktisch finde, gefällt mir diese Idee einfach gut. Das Vater Unser kommt dadurch in den gewöhnlichen Alltag. Viele Menschen beten es vor der Nacht oder im Gottesdienst. Dort hat es einen Platz, wo es ganz ungestört ist. Die Aufmerksamkeit liegt ganz bei dem Gebet, bei Gott und bei dem Menschen, der gerade betet. Das ist natürlich etwas Schönes, sich diese festen Zeiten zu nehmen. Dann passiert nichts anderes und es drängelt sich auch nichts dazwischen.

Als ich nun beim Händewaschen damit angefangen habe, ein Vater Unser dazu zu beten, haben die Worte anders gewirkt. Sie fallen mitten in meinen wuseligen Alltag hinein. Zwischen Einkauf und Mails, die beantwortet werden. Ein kurzer Moment, in dem nicht meine Gedanken rattern. In dem ich gedanklich nicht schon wieder drei Schritte weiter bin und überlege, welche Dinge heute noch anstehen. Ein Moment, den ich für mich habe. Dann sind die Hände gründlich gewaschen, das Gebet ist gesprochen und  geht’s weiter, wo ich gerade stehengeblieben bin. Amen.

Das einundsechzigste Licht.

Bleiben Sie behütet.

Ihre Vikarin Heike Sieberns

 

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

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