Ein kleines Licht am 14. Mai

Die Tasse

Heute trinke ich meinen Tee aus einer ganz besonderen Tasse.

Darauf steht der Spruch: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Buch Samuel, Kapitel 16, Vers 7)

Dieser Spruch war die Jahreslosung im Jahr 2003. So eine Jahreslosung wird immer aus 48 Vorschlägen für das kommende Jahr ausgewählt. Sie soll dann so eine Art Motto für das Jahr sein.

Unser Kirchenvorstand hatte 2003 einen riesigen Karton mit diesen Tassen bestellt, damit wir sie in der Gemeinde verschenken konnten. An alle, die sich in der Kirchengemeinde im zurückliegenden Jahr ehrenamtlich engagiert hatten.

Wir hatten zu einem Treffen eingeladen. Der Kirchenvorstand hatte was zu essen gemacht. Dann wurden die Tassen verteilt.

Und entweder hatten wir ein paar Tassen zu viel bestellt oder irgendwer hat seine Tasse nicht abgeholt. Auf jeden Fall steht sie jetzt zusammen mit vielen anderen Jahreslosungstassen aus vielen anderen Jahren im Gemeindehaus in Quickborn in der Teeküche. Und wenn ich zu faul bin, um die Treppe in unsere Küche runter zu gehen, dann nehme ich mir gerne eine Tasse aus dem Gemeindesaal für meinen Tee. Besonders gerne genau diese.

Das hat einen besonderen Grund, der noch ein bisschen länger zurückliegt als 2003.

Am 15. März 1999 war der erste von den beiden Tagen meiner mündlichen Prüfung im zweiten theologischen Examen. Ich hatte da schon viele Jahre in Göttingen Theologie studiert. Ich hatte Sprachprüfungen in Latein, Griechisch und Hebräisch bestanden. Ich hatte Pro- und Hauptseminararbeiten geschrieben und mündliche Prüfungen gemacht. Und ich hatte das erste theologische mit Hausarbeit, Examenspredigt und sieben mündlichen Prüfungen abgelegt. Dann kamen zweieinhalb Jahre Vikariat und weitere Prüfungen: Eine Lehrprüfung an der Schule, noch mal eine Examensarbeit, noch eine Examenspredigt. Und zum Abschluss jetzt noch einmal sechs mündliche Prüfungen.

Ein langer (okay, meine Schuld) und schwerer (das ist bei Theologie objektiv so) lag hinter mir. Und diese Prüfungen am 15. und 16. März würden jetzt alles entscheiden.

Denn diese sechs Prüfungen hatten richtig viel Gewicht. Und Ende der 90ger Jahre waren die Pfarrstellen knapp. Eine schlechte Note könnte am Ende entscheiden, ob ich nach dem 16. März Pastor werde oder arbeitslos.

Wir Vikarinnen und Vikare lagen alle dicht beieinander: Ein Blackout. Einmal schlecht geschlafen. Ein Prüfer, dem deine Nase nicht passt. Eine Frage, die du nicht richtig verstanden hast. Eine Prüferin, die sich auf ein Thema einschießt, für das du nicht richtig gelernt hast. Irgendwas davon und elf Jahre Studium und Vikariat wären für die Katz gewesen.

Und das bei mündlichen Prüfungen! Wie wollen die Prüferinnen und Prüfer denn in 30 Minuten herausfinden, ob du als Pastor geeignet bist? Wie wollen sie erkennen, ob du für diesen Beruf der Richtige oder der Falsche bist? Was sollen diese Leute überhaupt über dich sagen? Die kennen dich doch gar nicht! Die haben dich bisher erst ein-, zweimal gesehen!

Und diese Entscheidung wurde ja nicht nur über mich gefällt, sondern auch über meine Freunde und Kolleginnen. Wir waren alle denselben schweren Weg bis zu dieser Stelle gegangen. Manche waren verheiratet und hatten Kinder. Verantwortung für andere. Noch mehr, was von ihnen abhing. Und alles hängt jetzt ab davon, wie diese Prüfungen laufen.

Diese und ähnliche Gedanken gingen mir an diesem Montagmorgen durch den Kopf. Um halb neun im Predigerseminar in Celle. Am 15. März 1999.

Eine Prüferin und zwei Prüfer waren versammelt. Fünf von fünfzehn Vikaren und Vikarinnen. Das erste Drittel. Die Studienreferentin und der Studiendirektor. Und der Prüfungsleiter Dr. Gerald Kruhöffer begann die Prüfungen mit einer kleinen Andacht. Dafür wählte er die Tageslosung, den Bibeltext, der aus 1.824 möglichen Bibelversen für diesen 14. März ausgelost worden war: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“

Und Gerald Kruhöffer sagte ungefähr das. Ich kann mich noch ziemlich gut daran erinnern:

Besser hätte dieser Bibelspruch nicht ausgesucht werden können. Bei allem, was wir hier tun und versuchen, müssen wir doch wissen wie vergeblich und wie oberflächlich das doch ist. Wir können Ihnen keine Note geben. Wir können Sie als Personen nicht bewerten. Wir können heute vielleicht in aller Vorsicht eine Zensur geben für das, was Sie und hier heute von sich zeigen. Lassen Sie sich nicht einreden, dass das mehr wäre. Es ist ganz, ganz wenig.

Ich weiß noch, dass mir bei diesen Worten eine Last von meinen Schultern fiel. Mein Zorn war weg, meine Angst wurde schwächer. Ich wollte mich anstrengen und zeigen, was ich kann. Aber was ich für ein Mensch bin und ob ich etwas tauge oder nicht, darüber wurde an diesem Tag nicht entschieden werden.

Die Prüfungen liefen gut, richtig gut.

Im Mai durfte ich die Stelle in Quickborn antreten. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wurden nicht in den Pfarrdienst übernommen. Zumindest nicht sofort. Aber im Laufe der nächsten Jahre sind dann doch auch alle anderen Pastor oder Pastorin geworden. Außer einem lieben Kollegen, der noch einen anderen Beruf gelernt hat und der hoffentlich auch damit glücklich ist.

Letztes Jahr haben wir uns dann mit unserem alten Vikariatskurs noch einmal in Celle getroffen. So eine Art Klassentreffen nach 20 Jahren. Immerhin zehn von uns hatten Zeit und haben es nach Celle geschafft. Ich finde, das sind oberflächlich und auch viele Schichten weiter tiefer immer noch ganz tolle Menschen. Ganz bis ins Herz schaut uns nur Gott.

Für alle, die irgendwann einmal eine schwere Prüfung bestehen müssen, habe ich den folgenden Rat: Hofft besser nicht auch auf so eine Glückslosung, sondern mogelt doch einfach. Bibelspruch von der Tasse abschreiben, ihn direkt vor der Prüfung durchlesen und dann raus damit, was ihr gelernt habt!

Und falls es mal nicht so klappt, wie ihr euch das vorgestellt habt: Was wissen schon die, die euch prüfen? Fast gar nichts. Aber Gott sieht dein Herz an. Der weiß ganz genau, was für ein toller Mensch du bist.

Das achtundfünfzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Und hier noch mal unser Vikariatskurs Celle 52 im Jahr 1997 oder 98:

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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2 Antworten zu Ein kleines Licht am 14. Mai

  1. Jörg Prahler sagt:

    Liebe Grüße an alle Celle 52er!
    Für alle anderen: Bevorstehende und bestandene Prüfungen: Welche Tipps und Überlebensstrategien habt ihr? Was ist passiert und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

  2. Anonymous sagt:

    Dankeschön. Siehst aus wie Thees Ullmann in dem Ledermantel. Hab’ Dich lieb, Jörg. “Zum Laichen und Sterben ziehn die Lachse den Fluß hinauf. Das Leben ist wie Feuer, es brennt und es wärmt …”

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