12. Mai 2020 – Antworten

Gedanken zum Tag

Junge Paare, die heiraten wollen, weil sie ihr Leben miteinander teilen wollen, sagen oft im Gespräch: Dass wir beide uns gefunden haben, das war Fügung. Fügung von Gott. Geschenk des Himmels. Von Gott. Weil zwei Menschen so großes Glück nicht erklären können und weil sie erleben: das haben nicht wir gemacht, da ist noch ein anderer mit dabei gewesen. Darum fällt auch bei Menschen, die gar nicht fromme Kirchgänger sind, das Wort von Fügung oder Geschenk. Eltern, die zum ersten Mal ihr Kind im Arm halten, empfinden es auch so: ein Wunder, ein Geschenk von Gott. Großes Glück, das einem geschieht, unverhofft, nicht gemacht. Anderes sind Verschwörungstheorien. Die haben ja zur Zeit Hochkonjunktur. Ich zähle auch die fromme Variante dazu: Corona Pandemie als Strafe Gottes. Strafe Gottes geht immer, wenn man sich Gott nicht anders vorstellen kann. Da versammeln sich Menschen auf den Plätzen der großen Städte, um gegen die Einschränkungen zu demonstrieren. Ein Photo zeigt eine Frau mit einem Plakat: Wir wollen unser Leben wieder haben. Ja, gibt’s denn so was? denke ich. Ihr lebt doch jetzt auch. Und Leben ist doch eben auch, mit Widrigkeiten und Herausforderungen umzugehen, auch wenn das mal nicht lustig ist und Spaß macht. Verschwörungstheorien machen sich immer dann breit, wenn man keine anderen Erklärungen mehr hat oder zu faul ist, sich Gedanken zu machen. Die Ängste, die sonst auch da sind, geben dem Ganzen eine Dynamik, dass es einen vor der Wucht von Menschen grausen könnte. Bill Gates errichte eine durchsichtige digitale Gesellschaft. China plane die Weltherrschaft. Sogar der eigene Staat wird zum Drahtzieher für Machenschaften. Wer nutzt diese Ängste aus? Wer hat was davon, wenn viele  Angst haben und Wut? Und wer arbeitet damit doch bloß in die eigenen Taschen, um gewählt zu werden? Wem hilft diese Staatsfeindlichkeit außer den Staatsfeinden? Mir graust nicht vor Corona, sondern vor Menschen, die damit ihre Geschäfte machen wollen. Ja, die Welt ist global geworden. Sie ist groß geworden und zugleich auch kleiner, ein Grund mehr, sie nicht von selbsternannten Herren zerstückeln zu lassen. Feindessinn ist Gottes Sache nicht.

Pastorin Susanne Ackermann
St. Johannis Dannenberg
Dienstag 12. Mai 2020

Dieser Beitrag wurde unter Corona, St.-Johannis-Kirche Dannenberg, Texte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.