11. Mai 2020 – Aus der Hotelruine

Gedanken zum Tag

Während die Glocken der Kirche läuten sitze ich auf dem Kirchplatz in Dannenberg auf der Bank um die Eiche. Die Sonne scheint. Die Stadt schläft noch oder sitzt noch beim Frühstück. Mein Blick fällt auf die Ruine des ausgebrannten Hotels am Markt. Zerborstene Fenster, schwarz verkohltes Fachwerkholz, das Dach liegt frei, Holzbalken ragen ins Nichts. Ein trostloser öder Anblick. Ein touristischer Schandfleck der Stadt. Auch für die, die hier wohnen. Eine Ruine. Durch die Fenster fliegen Vögel ein und aus. Zwischen Holz und Mauern ist der Eingang zu einem Taubennest. Amseln nisten weiter oben. Für einen Moment hat sich eine Amsel ganz oben auf den obersten gebrochenen Dachbalken gesetzt und zwitschert in die Welt. Ruine hin Ruine her, hier oben kommt keine Katze und keine Elster herein, um mein Nest zu zerstören. Aus der Ruine ist eine Herberge für Vögel geworden. Nistplatz für eine kommende Vogelgeneration. Ist mir zuerst gar nicht aufgefallen, aber dann: aus einer Ruine ist etwas Neues geworden. Wie biblisch! Neues wächst, seht ihr’s denn nicht? Siehe, ich mache alles neu! So hören die Propheten Gott sprechen. Eine Ruine wird ein Nest für Vögel. Da ist etwas neu geworden. Das ist ganz anders. Nicht das Alte ist wieder neu hergestellt, ein neues Hotel, sondern neu ist jetzt der Nistplatz und Brot für die Brut der Amsel. Neu ist, dass sich in den trostlosen Anblick noch ein neuer Gedanke schleicht: Ihr Piepsis habt es gut. Ihr Klugen! Zwitschert kräftig weiter über dem Kirchplatz.
An das Alte anknüpfen, so wie es war, wird nicht möglich sein. Ins alte Leben zurück, wünschen sich ja viele. Ich auch. Es soll bleiben, was gut war. Die Freundschaften, die Begegnungen, die Arbeit, das Leben als Familie und was weiß ich. Aber es muß auch was neu werden. Ich will die Solidarität behalten, die in diesen Zeiten aufgelebt und bewußter geworden ist. Ich will auch die digitalen Sprünge und Möglichkeiten behalten, um dann zu sehen, was wirklich zukunftstauglich ist. Mein Einkaufsverhalten und mein Reiseverhalten: weniger ist mehr.
Da sind Erfahrungen, die wir in der Krise gemacht haben und noch machen, die – auch politisch gesehen – einfach dran sind. Neues wächst, seht ihr‘ s denn nicht?

Pastorin Susanne Ackermann
St. Johannis Dannenberg
Montag 11. Mai 2020

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