Ein kleines Licht am 21. April

Ein kleines Licht am 21. April 2020

Was Neues wächst auf

Gott spricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43,19)

Jedes Jahr im Frühjahr das gleiche Schauspiel: An der Linde vor unserem Schlafzimmer. An den toten Zweigen brechen die Knospen auf und das erste Grün drängt sich ans Licht. Eigentlich ist das ein Wahnsinn.

Von November bis April habe ich aus meinem Bett auf diese Linde mit ihren kahlen Ästen geguckt. Ein Gerippe von einem Baum. Dahinter der Blick über die Nachbarhäuser hinweg. Dazwischen noch mehr Bäume, die genau so kahl und tot aussahen.

Und jetzt braucht es gerade mal ein, zwei Wochen, dann sind die Blätter wieder groß und satt und grün. Von meinem Bett aus gucke ich dann wie gegen eine Blätterwand.

Irgendwann im Herbst werden die Blätter dann wieder gelb. Nach dem Frost und dem ersten Herbststurm ist wieder freie Sicht.

Aber dieser Augenblick jetzt im Frühling ist einmalig. Wo die Blätter jung und frisch sprießen. Morgens, wenn ich aufwache, habe ich den besten Blick darauf. Ich kann mich kaum davon losreißen. Ab und zu bin ich deswegen schon zu spät gekommen.

(Ein Blick auf die Linde vor dem Pfarrhaus. Foto: Jörg Prahler)

Wenn was Neues kommt, dann ist das was Besonderes. Manchmal hat es meine ganze Aufmerksamkeit: Ein Kinofilm, auf den ich mich schon lange freue. Eine CD von meiner Lieblingsband – angekündigt, aber es gibt sie noch nicht zu kaufen.

Aber manchmal fängt auch was Neues an und wenn du nicht drauf achtest, dann hat du den Moment verpasst. So wie man den Frühling verpassen kann und – zack – sind alle Tulpen raus und alle Blätter sind da. Und da hast das gar nicht bewusst zur Kenntnis genommen. Du hast es gar nicht richtig genossen.

Manches, was während meiner Lebenszeit neu gewesen ist, habe ich einfach so verpasst. Die Erfindung vom Internet oder vom Handy zum Beispiel. Beim Internet waren andere mir schon Jahre voraus. Und ich dachte noch: Ich brauch das nicht. Und mit dem Handy? Mein Handy ist immer noch von Nokia, liegt die ganze Zeit in der Schublade und es kann rein gar nichts außer telefonieren. Manchmal finde ich das schlimm, wie ich so der Entwicklung hinterher hinke. Manchmal finde ich das outlawmäßig großartig.

Aber wann fängt was Neues an, was du wirklich nicht verpassen solltest? Wann wäre es echt mal wichtig, genau hinzusehen und dabei zu sein?

Gott spricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“

Bei dem Ausbruch der Corona-Seuche war es so, als hätte irgendwer auf der ganzen Welt die große Stopp-Taste gedrückt. Ganz viel, was absolut unverzichtbar schien, stand auf einmal still. Das immer schneller, immer höher, immer weiter war auf einmal vorbei.

Und siehe da, die Welt dreht sich trotzdem weiter. Es gibt keine Staus mehr auf den Autobahnen. Der CO2-Ausstoß geht zurück. Deutschland wird dieses Ziel für 2020 wohl doch erreichen. In Asien sinkt die Luftverschmutzung. Die Pandabären im Zoo fühlen sich unbeobachtet und entdecken die Liebe.

Aber irgendwann muss es ja auch mal wieder weitergehen. Zur Zeit werden Milliarden, wenn nicht Billionen Euro in die Wirtschaft gepumpt. Die Betriebe und die Arbeitsplätze sollen gerettet werden. Richtig so!

Doch soll jetzt einfach alles nur wieder so werden, wie es bisher war? Oder ist das jetzt gerade die große Chance zu einem Neuanfang?

Der neue Corona-Erreger ist wahrscheinlich auch deshalb über die Menschheit hereingebrochen, weil wir immer tiefer in die unberührte Natur vorgedrungen sind. Weil wir den wilden Tieren ihren Lebensraum weggenommen haben. Soll das wieder so weiter gehen oder sollten wir was ändern?

Ich sehe diese Pandemie auch als eine Warnung an uns Menschen. Und auch als ein Warnung, mit der man noch umgehen kann und aus der man lernen kann. Denn von dieser Krankheit werden sich die meisten Menschen von alleine wieder erholen. Was aber, wenn das nächste Virus so tödlich wäre wie Ebola oder wie die Pest im Mittelalter?

Jetzt wäre die Gelegenheit für eine neue Ökonomie, für Investitionen in eine gerechtere und umweltschonende Welt. Jetzt wäre die Gelegenheit, alles dafür zu tun, die nächste Epidemie gar nicht erst erst losrollen zu lassen.

Gott spricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“

Das fünfunddreißigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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