Ein kleines Licht am 15. April

Einer trage des anderen Last

Heute wird in Berlin beraten, wann es wieder losgeht.

Wann werden die Schulen wieder öffnen? Wann machen die Geschäfte wieder auf? Wann sehe ich meine Freunde wieder? Wann kann ich wieder zur Arbeit gehen?

Es gibt eine Sehnsucht, dass möglichst schnell alles wieder normal ist. Ich kann das verstehen. Ich wünsche mir auch, dass möglichst schnell alles wieder normal wird.

Aber es steckt noch mehr dahinter: Wer gerade in Kurzarbeit ist, der verdient jetzt viel weniger als normal. Der bange Blick auf den Kontostand: Wie lange kann ich noch meine Rechnungen bezahlen? Wer selbständig ist und beispielsweise ein Lokal betreibt, für den wird es ernst: Wie viele Wochen kann ich das noch durchhalten? Und wer an der Schule dieses Jahr seinen Abschluss macht, der weiß auch nicht, wie es weitergeht. Wie wirkt sich das auf mein Zeugnis aus? Auf meine weiteren Chancen im Leben? Und wer stellt zur Zeit überhaupt noch eine Auszubildende ein? Das sind Existenzängste.

Und dann die andere Seite: Wenn das Leben weitergeht und die Infektionen wieder ansteigen, was ist dann eigentlich mit den Risikogruppen? Was wird mit unserem alten Vater? Müssen wir das in Kauf nehmen, dass die Gefahr wieder steigt, dass er krank wird? Was ist mit den Zuckerkranken, mit denen mit hohem Blutdruck oder Asthma? Müssen die Schwächeren Zugeständnisse machen bei ihrer Sicherheit? Auch da kommen Ängste auf.

Es wird wohl keinen Weg aus der Krise geben ohne Sorgen, ohne Kummer und ohne harte, schwerwiegende Entscheidungen. Entscheidungen, die für manch einen schlimme Konsequenzen haben werden.

Aber wie willst du das dann entscheiden? Lobbyvertreter haben das da gerade einfach. Sie müssen letztlich nur die Interessen ihrer eigenen Leute vertreten. Und was mich persönlich betrifft, das leuchtet mir am meisten ein und das liegt mir besonders am Herzen.

Politikerinnen und Politiker hingegen müssen die Interessen aller Menschen im Blick haben und miteinander abwägen. Wie kann möglichst das Beste erreicht oder zumindest das Schlimmste verhindert werden? Das ist eine schwierige Aufgabe und eine große Verantwortung, um die ich unsere Regierenden nicht beneide.

Ich weiß auch nicht, was gerade das Beste wäre. Aber es gibt im christlichen Glauben so eine Art Faustregel, mit der man verschiedene Sorgen, Nöte und Bedürfnisse miteinander abwägen kann: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Brief an die Galater, Kapitel 5).

Oft wird dieser Vers vorschnell missverstanden, denn es heißt nicht einfach: „Die Starken sollen die Last der Schwachen tragen“. Es heißt nicht, dass die einen helfen und dass den anderen geholfen wird. Es heißt erst mal: „Jeder, wirklich jeder soll offen sein für die Sorgen und Nöte und die Ängste aller anderen Menschen“.

Ich soll mein Schicksal, meine Not, meine Bedürfnisse nicht über andere setzen. Statt dessen soll jeder die Lasten der anderen mittragen, mit bewältigen. So wie auch jeder Hilfe von anderen bekommen wird.

Bei „Einer trage des anderen Last“ gibt es kein Wir gegen Die. Und das ist der Unterschied. Es gibt nur ein Wir, das alle Menschen umfasst. Die Reichen und die Armen, die Gesunden und die Kranken, die in Angst und die in Sicherheit. Alle gehören zusammen.

Natürlich sind die Möglichkeiten, zu helfen, ungleich verteilt. Und manch einer hat dringender Hilfe nötig als ein anderer. Trotzdem will ich die Menschen nicht in zwei verschiedene Schubladen stecken. Auch nicht in eine für Wohltäter und eine für Bittsteller. Christlich ist, wenn wir uns alle unterstützen, so gut wir irgend können. Und wenn wir wirklich die Not von allen sehen. Denn sonst setzen sich wahrscheinlich doch wieder durch, die am lautesten brüllen oder die ihre Interessen am besten vertreten können. Das wäre in meinen Augen keine gute Lösung.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

Dieser Beitrag wurde unter Corona, DaLaQui, Damnatz, Langendorf, Quickborn, Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.