08. April 2020 – Hol di fuchtich

Gedanken zum Tag

Schreibt mir einer am Ende einer mail. Hol di fuchtich – so spricht man auf dem Land, so sprechen die vom Lande. Plattdeutsch. Eine schöne Sprache, direkt und handfest. Da gibt es keine …heiten oder …keiten, sondern alles wird beschrieben, nie abstrakt. Fuchtich. Kann man nicht übersetzen, ist eine Redensart, die beherzt sein bedeutet. Etwas gern tun, von ganzem Herzen, mit aller Kraft und von ganzem Gemüt. Hol di fuchtich. Wie gern würde ich diese Sprache sprechen und denken. Fuchtich. Mir fällt aus dem Plattdeutschen der Schluss vom Vater Unser ein. Da heißt es: denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Alles ist abstrakt, muß man sich vorstellen: dein Reich, die Kraft, die Herrlichkeit, die Ewigkeit. Im Plattdeutschen klingt das so: du kannst dat, du wullt dat und du deist dat ook! Alles, um was wir Menschen Gott bitten, hat diese Antwort: du kannst dat, du wullt dat und du deist dat ook.
Ist es nicht herrlich? Ich finde das auch alltagstauglich. Nicht bloß für uns in „diesen Zeiten“, in „diesem Zustand“. Ich finde es auch tauglich für die Menschen, von denen kaum noch jemand spricht: in den Lagern an der türkischen Grenze, auf den Inseln, auf Lesbos. Zusammengepfercht, Hände waschen eine Illusion, mit immer weniger Chance, in den europäischen Ländern menschliche Hilfe zu finden. Nein, man kann Leid nicht gegen Leid ausspielen oder aufrechnen, was ist schlimmer und was nicht? Ich könnte heulen, wenn die Coronazahlen täglich in der Zeitung stehen und die anderen – in Griechenland – weit weg? Es ist zum Gotterbarmen, dass politisches Kalkül so viel Macht hat und ziemlich „hardfuchtich“ ist, herzlos und kaltschnäuzig.
Ich merke, dass Mut dazu gehört, das Leid von Menschen auch zu sehen, es wahrzunehmen, es lindern zu wollen, helfen zu wollen. Nein, daran verdient man sich keine Lorbeeren und damit macht man auch keine Gewinne, aber… Aber man kann sich selber noch im Spiegel in die Augen sehen. Hol di fuchtich! Wir können das, weil Gott das auch kann: du kannst dat, du wullt dat und du deihst dat ook.

Pastorin Susanne Ackermann
St. Johannis Dannenberg
Mittwoch 8. April 2020

Dieser Beitrag wurde unter Corona, St.-Johannis-Kirche Dannenberg, Texte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.