Kleine Sonntagspredigt für den 5. April

Predigt für den Palmsonntag, den sechsten Sonntag der Passionszeit

Ist das wirklich nötig?

In den letzten Tagen und Wochen sind schon viele wichtige Gottesdienste und Veranstaltungen in der Gemeinde abgesagt worden: Taufen, Spieletage in der Langendorfer Kirche, ein Familiengottesdienst…

Heute fällt der Gottesdienst mit den Predigten von Künstlerinnen und Künstlern in Damnatz aus. Wir hätten bei schönstem Wetter im Ausstellungsraum des Skulpturengartens von Monika und Klaus Müller-Klug gesessen. Umgeben von Skulpturen, Installationen und Gemälden hätte es tolle Musik und ganz bestimmt spannende und vielleicht sogar aufregender Predigten gegeben. Predigten von Männern und Frauen, die ihre Zeit der Kunst widmen. Und die sicher einen besonderen und anderen Blick auf diesen kleinen Bibelfetzen gehabt hätten, den ich ihnen als Aufgabe, als Predigttext mitgegeben hatte.

Nachher hätten wir Kaffee und Kuchen gegessen und uns ganz sicher viel zu erzählen gehabt.

Und nun fällt der Gottesdienst aus. Oder besser: Er ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich habe mich viel zu sehr in diese Idee verliebt, um das nicht später noch mal zu versuchen.

Aber jetzt ist Corona-Zeit. Alle Versammlungen und alle Gottesdienste sind abgesagt. Außer solchen Gottesdiensten ohne Publikum fürs Internet und für das Fernsehen.

Wir gehen auf Abstand. Wir bleiben zu Hause, damit wir uns nicht gegenseitig anstecken. Damit wir die Krankheit nicht weiter verbreiten. Und das ist gut so.

Offen bleiben Arztpraxen, Supermärkte, Sparkassen, Bäcker, Apotheken. Nur das Nötigste. Was zum Überleben nötig ist. Und deshalb bleiben Kirchen und Museen, Galerien, Theater, Hörsäle und Schulen zu, weil das alles nicht …

Andere Zeit, andere Situation, anderer Ort:

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: ‚Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.‘ Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: ‚Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.‘ “ (Markusevangelium, Kapitel 14, ab Vers 3).

Die Narde ist eine Pflanze die im Himalaya und dort erst ab einer Höhe von 4.000 Metern wächst. Nardenöl musste aus Indien nach Palästina transportiert werden. So ein Fläschchen Nardenöl kostete dort dann ein Vermögen. 300 Silberstücke. Das was das das, was ein Tagelöhner in 10 Monaten verdiente.

Tut das Not, Jesus so ein kostbares Duftöl auf den Kopf zu gießen? Hätte man das Geld nicht tatsächlich sinnvoller ausgeben und damit viel Gutes für die Armen tun können?

Ich finde, das tat nicht Not. Und ganz bestimmt hätte man mit dem Geld Sinnvolleres anfangen können. Aber Jesus hatte die Frau ja auch nicht darum gebeten. Die Frau hat ihn vorher nicht gefragt, Jesus hat vorher davon nichts gewusst. So ist die ganze Sache passiert, bevor irgendwer etwas dagegen unternehmen konnte.

Das Geschrei und das Gemecker und die Diskussion darüber, das geschieht alles erst im Nachhinein. Und so erkläre ich mir auch die Reaktion von Jesus.

Die Frau hat die Sache mit dem Nardenöl selbst entschieden und selbst durchgezogen. Sie wollte Jesus etwas Gutes tun. Sie wollte ihn mit einer Geste königlich beschenken. Das teure Öl hat sie mit Sicherheit selbst bezahlt. Und das Öl ist vergossen und daran ist jetzt auch nichts mehr zu ändern.

Die anderen Bewohner und Gäste in dem Haus werden wahrscheinlich nicht so viel Geld besessen haben wie die Frau. Aber ein bisschen was werden vielleicht ja auch sie gespart haben. Wer wollte, der hätte ja trotzdem vorher oder nachher auch selbst großzügig für die Armen spenden können.

Aber davon ist komischerweise überhaupt nicht die Rede. Man macht nur Vorschläge, was die Frau hätte besser machen sollen. Selber tut man nichts. Für mich klingt das nach Heuchelei.

Jesus hingegen blamiert die Frau nicht vor den anderen. Er nimmt die sie in Schutz. Sie hätte ihn im Voraus gesalbt für sein Begräbnis.

Sie hat all ihre Liebe und sehr viel Geld in diese eine Geste gesteckt. Sie hat sozusagen alles gegeben, um Jesus etwas Gutes zu tun. Und kurze Zeit später würde Jesus alles geben, um den Menschen etwas Gutes zu tun. Er würde sein Leben geben am Kreuz.

Und so passen das Opfer der Frau und das Opfer von Jesus spiegelbildlich zusammen. Eine symbolische Tat, die vorbereitet und hervorhebt, was der Sohn Gottes, der König der Könige bald tun wird. Jesus wird sterben wie der übelste Verbrecher, aber diese Frau behandelt ihn jetzt noch einmal wie einen König. Und dass das genau richtig ist, zeigt sich dann, wenn sich noch einmal alles ändern wird: An Ostern.

Wenn man so will, dann tut die Frau etwas, was im Prinzip auch jeder Künstler tut: Sie macht etwas deutlich, was vorher so nicht zu sehen war. Durch ihre Aktion gewinnen die Zuschauer einen neuen Blick auf Jesus. Im Prinzip tut die Frau das, was auch jeder Gottesdienst und jeder Sonntag bewirken sollen: In der sonst endlosen Kette von Alltagen leuchtet die Gegenwart von Gott auf.

Ob die anderen im Haus das verstanden haben?

Einer zumindest schon mal nicht. In den nächsten Versen des Markusevangeliums wird erzählt, wie Judas den Verrat an Jesus plant und vorbereitet.

Aber nichtsdestotrotz, im Nachhinein und auf lange Sicht kann man es doch erkennen. Was die Frau getan hat, das hatte einen Sinn. Ein Zeichen und eine Tat, an die man sich erinnern würde.

Das, was im ersten Augenblick unnötig und wie Verschwendung erschien, war doch richtig und gut.

Kirchen und Museen, Galerien, Theater, Hörsäle und Schulen bleiben im Augenblick geschlossen. Arztpraxen, Supermärkte, Sparkassen, Bäcker, Apotheken bleiben offen und das ist richtig so. Aber deshalb hört der Glaube doch nicht auf und das Beten und die Nächstenliebe. Deshalb hört das Schreiben, Malen, Schaffen und Komponieren, das Lernen und das Lehren doch nicht auf. Denn auch das ist nötig und wir brauchen das.

Die Kirche muss sich etwas einfallen lassen. Sie geht zum Beispiel ins Internet. Und Jüngere geben diese Andachten ausgedruckt an ihre Großeltern weiter. Es gibt eine Telefonnummer, wenn du die anrufst, kannst du eine Predigt hören. Und und und.

Auch die Kunst geht zur Zeit andere Wege und das ist vollkommen in Ordnung. Kreativ sein ist schließlich Beruf und Berufung der Kreativen.

Amen.

Und der Geist Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen in Christus Jesus. Amen.

Euer Pastor Jörg Prahler.

Sonntags und an Feiertagen finden Sie einen anderen Gebetsablauf und eine kurze Predigt auf dieser Seite und auf den Seiten der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können mit Hilfe dieses Ablauf allein oder mit der Familie einen Gottesdienst feiern. Für all das läuten als Startsignal von 10 bis 10.15 Uhr die Glocken in allen drei Kirchen.

Mein Opa hat aber gar kein Internet“? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen, zu verlinken oder sie anderen am Telefon vorzulesen. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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