Kleine Sonntagspredigt für den 29. März

Vor den Toren der Stadt

Die Kirche steht heute meist mitten im Dorf. Wenigstens hat sie in einem Dorf oder einer Stadt in der Regel einen besonders guten und vornehmen Platz. Andersrum ist es mit den Orten, wo man früher die Verbrecher hingerichtet hat. Die lagen außerhalb der Stadtmauern und ein ganzes Stückchen weg von den schönen Häusern der vornehmen und anständigen Bürger. Von denen, die sich eher um die Kirche drängten.

Auf manchen Stadtplänen kann man das auch Jahrhunderte später noch gut erkennen. Zum Beispiel in Hitzacker.

Die Kirche hat eine ausgesprochen vornehme Adresse. Sie liegt sogar auf der Insel, dem historischen Kern der Stadt rechts oben. Ganz anders sieht es beim Galgenberg aus da unten. Dieser Bereich liegt ein ganzes Stück weg von der Altstadt und ist erst viel später bebaut worden. Erst als die Galgen schon längst Geschichte waren.

Ähnlich war es auch in Jerusalem, wo der Tempelberg das spirituelle Zentrum der Stadt ist. Der Berg Golgatha, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag außerhalb der Stadt.

Darauf wird im heutigen Predigttext angespielt. Im Hebräerbrief, im 13. Kapitel heißt es: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Die Christen, an die sich der Hebräerbrief richtet, sollen sich gar nicht so sehr in dem guten Leben in der Stadt einrichten. Sich nicht dort niederlassen, wo man Rang und Namen hat. Sich nicht so tief verstricken in den Filz, die Abhängigkeiten, in Strukturen, wo eine Hand die andere wäscht. Sondern die Christen sollen sich an Jesus halten. Der für seine Überzeugungen mit Schimpf und Schande vor der Stadt gestorben ist. Der ein Opfer gebracht hat für die Menschen, statt es sich einfach gutgehen zu lassen.

Der Verfasser des Hebräerbriefs verlangt von den Christen, dass sie sich nicht einwickeln lassen sollen. Lieber um der guten Sache willen anecken. Sich auch mal schmähen und beschimpfen lassen, wenn es darum geht, Jesus nachzueifern. Die verdiente Anerkennung für diese Haltung wird es in dieser Welt wohl gar nicht geben. Aber in einer zukünftigen bei Gott.

Aber nun stehen unsere Kirchen heute nicht auf den Galgenbergen. Sie stehen in den Herzen der Städte, an der ersten Adresse im Dorf.

Offenbar haben die Christen im Laufe der Jahrhunderte die Anweisung des Hebräerbriefes bei Seite gewischt. Sie haben die Verhältnisse sogar umgekehrt. Sie bauten ihre Kirchen später genau da hin, wo Jesus früher nicht anerkannt gewesen ist. Und die Kirche bewegte sich weg den Vierteln, wo die einfachen Leute lebten. Einfache Leute, wie es die Jünger und Jesus selber damals mal gewesen sind.

Und im Mittelalter wurden Kirchen dann zu Palästen und die Bischöfe und Päpste herrschten mit Pracht und Herrlichkeit und waren kaum von weltlichen Fürsten oder Königen zu unterscheiden. In der Kaiserzeit im 19. und 20. Jahrhundert gab es ein Bündnis von Thron und Altar. Das heißt, die Kirche und der Kaiser stützten sich gegenseitig, damit sich an der Verteilung der Macht im Lande ja nichts änderte. Und sogar in den Dorfgemeinden auf dem Land kann man noch Geschichten hören, dass die Pastoren früher in der schlechten Zeit als erstes und am liebsten die großen Bauern besuchten. Weil sie dafür mit ein paar Eiern oder mit einer Mettwurst belohnt wurden.

Auch diese Zeiten sind lange her. In den 60ger, 70ger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Kirchen ganz bewusst auch in die Vororte gebaut. Sozialstationen und Gemeindehäuser entstanden in den ärmeren Vierteln. Die Diakonie und viele kirchliche Initiativen richten sich besonders an Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn sich die Kirche in die Politik einmischt, dann meist zugunsten derer, die sonst kaum eine Stimme haben. Und Pastorinnen und Pastoren verdienen inzwischen gut und können sich ihre Mettwürste sehr gut selber kaufen. Ich entscheide meine Besuche danach, wo ich gebraucht werde. Nicht nach Ansehen oder Portemonnaie der Person.

Aber trotzdem: Ein Pastor oder eine Pastorin hat studiert und wir verdienen wirklich gut. Damit gehören wir alle automatisch zur gehobenen Mittelklasse. Vor allem brauchen wir Pastoren uns auch in unsicheren Zeiten keine Sorgen um unser Einkommen zu machen. Anders als bei vielen anderen jetzt kommt unser Gehalt jeden Monat zuverlässig aufs Konto.

Deshalb müssen ich wie meine Kolleginnen und Kollegen gerade in diesen kritischen Wochen vorsichtig sein. Müssen viele der eher Gutgestellten, die in der Kirche Verantwortung tragen, vorsichtig sein: Bekommen wir die wirklichen Sorgen und Nöte der Menschen eigentlich mit? Von denen, die es gerade schwer haben? Haben wir eine Ahnung, was gerade konkret getan werden muss? Sind wir eigentlich dicht dran an den Problemen der Menschen oder segeln wir doch eher darüber weg?

Ich will mir Mühe geben, genau hinzusehen. Ich hoffe aber auch auf Sie, dass sie mir sagen, was los ist. Denn der Ort, wo wir von der Kirche hingehören, ist nicht der beste Ort am Platz. Es ist der Ort, wo wir gebraucht werden.

Amen.

Und der Geist Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen in Christus Jesus. Amen.

Euer Pastor Jörg Prahler.

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