Kirche²

Erste Szene. Zu schade zum Wegwerfen – eine Gruppe von Menschen macht sich auf, um Lebensmittel, die der Supermarkt kurz vor Erreichen der Mindesthaltbarkeit aussondert, abzuholen und an Bedürftige zu verteilen. An vielen Orten gibt es mittlerweile dies  Modell der „Tafeln“. Der Initiativkreis setzt sich zusammen – und da geht es dann nicht mehr nur darum abzusprechen: Wer hat wann Dienst? In den vielen Begegnungen erfahren sie manch bewegende Lebensgeschichte. Das muss man verarbeiten. Und sie beginnen zu beten. Fürbitte zu halten für die, denen sie begegnet sind. Aus einem Bibelwort Trost und Kraft schöpfen für die eigene Arbeit. Und dann wieder –  Kisten schleppen.

Zweite Szene.Beim Sommerseminar in Verchen merken wir immer, wie gut auch und gerade jungen Menschen eine Zeit der Stille tut, ruhiges Kerzenlicht, die Einladung,  im Gebet Dinge abzuladen, Segen zugesprochen zu bekommen. – Eine Gruppe von Studenten richtet sich ein Zimmer ein, um so Gottesdienst feiern zu können, wie es ihnen entspricht. Ihre Musik. Ihre Art, zu sitzen. Ihre Bilder. Nach und nach kommen andere dazu, zu diesen kleinen Gottesdiensten. Als es noch mehr werden, mieten sie billig eine leer stehende Halle. Etwas zu essen nach dem Gottesdienst kommt hinzu, Gespräche, umeinander-Kümmern. „Diese Gemeinde ist meine Familie“, sagt einer. Seit 15 Jahren gibt es die Gruppe, jeden Sonntag ist Gottesdienst (siehe www.cvjm-emotion.de)

Logo Farbe Auf verschiedene Art Kirche sein, Kirche leben. Hunderte verschiedener Arten wurden ausgetauscht beim Kongress Kirche² in Hannover, an dem wir zu viert (M. Gierow / M. Ketzenberg / S. Pehlke / A. Tuttas) aus unserem Kirchenkreis teilgenommen haben. Berichtet wurde von kleinen Dorfgemeinden in Südwestfrankreich, die ehrenamtliche Beauftragte für Gebet und Verkündigung berufen. Gemeinden in Südaustralien, die nur ab und zu per Flugzeug Besuch vom Pastor bekommen, aber quicklebendige Gemeinschaften sind.

Ein Grundtenor all dieser Beispiele: Vielleicht müssen wir hier bei uns wieder neu lernen, all diese verschiedenen Formen christlicher Gemeinschaft als Kirche im vollen Sinn gelten zu lassen und zu ermutigen. Es geht nicht darum, bestimmte Gruppen mit Lockangeboten zu ködern, damit sie sich dann in die tradierte Form des Kirche-Seins integrieren. Sondern hinsehen und fragen und hinhören: welche Art von Gemeinde-Sein entspricht diesen Menschen, und sie dann darin bestärken. Welche Form entspricht uns, wenn sich Rahmenbedingungen ändern? Die Kirche von England, die lange Zeit für alles andere als fortschrittlich gehalten wurde, hat seit zwanzig Jahren die Mischung der Formen unter dem einen Dach der Kirche Jesu Christi geradezu zum Programm erhoben: die traditionelle Dorfgemeinde hat ebenso ihr Recht wie der Hauskreis, die diakonisch engagierte Gruppe, die Gospel- oder die Jugendkirche – und zwar je ihr eigenes Recht.

In der Passionszeit bedenken wir besonders: Gott hat sich zu uns auf den Weg gemacht. In Jesus, mit allen Konsequenzen. Wo Jesus unterwegs ist, heißt es immer wieder: Und er sah hin, er hörte zu, er fragte. Und dann ist er bei den Menschen: fürsorglich, heilend, im gelehrten Gespräch, beim Essen. Ganz verschieden. Und doch mit der gleichen Botschaft: Gott hat dich gefunden. Er möchte, dass dein Leben gelingt.

Dass Gott heute bei den ganz verschiedenen Menschen unserer Zeit ankommt, dazu braucht es unser Weitersagen. Unser Hinhören. Unsere Offenheit. Und unser Gebet.

Michael Gierow

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