Angedacht

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Worte zur Besinnung – EJZ am 28. Januar
von Pastor Bernd Paul

Zeugnistag

Gestern gab es Zeugnisse. Die Halbjahresnoten. Und es wird wohl wieder wie immer gewesen sein: Die einen freuen sich, weil sie gute Noten nach Hause bringen können. Bei anderen fällt die Bilanz eher durchwachsen aus. Da drücken schlechte Noten die Stimmung. Denn gefühlsmäßig sind sie mehr als nur eine Beurteilung der Leistung eines Faches. Da schwingt zwischen den Zeilen leicht die Botschaft mit: „Du bist nicht gut genug!“ Manch einer traut sich damit kaum nach Hause.

Als Jesus lebte, hat es noch keine Zeugnisse gegeben. Sonst hätte er vielleicht schon als Gleichnis für Gottes Liebe erzählt, was vor einigen Jahren Reinhard Mey in seinem Lied „Zeugnistag“ besungen hat.

Da erzählt der Liedermacher, wie er sich als Zwölfjähriger als Versager fühlte, nachdem er ein grottenschlechtes Zeugnis bekommen hatte. So schlecht, dass er sich nicht einmal traute, es seinen Eltern zur Unterschrift vorzulegen. Darum fälschte er kurzerhand ihre Unterschrift. Natürlich flog der Schwindel auf. Die Eltern wurden zum Rektor einbestellt, der es sichtlich genoss, den Betrüger überführt zu haben.

Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Denn statt eines großen Donnerwetters für den Sohn, schauten sich die Eltern die offensichtliche Fälschung ihrer Unterschriften an – und erklärten dann ganz ruhig dem verdutzten Schulleiter: Die Unterschriften sind von uns!

Natürlich ist es nicht richtig, Unterschriften zu fälschen. Und den Rektor zu belügen eigentlich auch nicht. Aber es ist für den Schüler eine Lektion fürs Leben gewesen. Die Erfahrung, dass seine Eltern hinter ihm stehen. Unabhängig von guten oder schlechten Noten. Nicht einmal seine Unterschriftenfälschung hatte daran etwas geändert. So freute er sich:

Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt.

Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!“

Und so schließt dieses Lied am Ende mit dem Wunsch:

Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt

– und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind:

Wenn‘s brenzlig wird, wenn‘s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,

Eltern, die aus diesem Holze sind.

Bernd Paul, Pastor in Küsten

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